
Das Wissen an und für sich und das Wissen auch als Erkenntnis zuzulassen, das sind zwei Seiten einer Medaille. Das Programm „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“ vom Ensemble Opus 45 mit Frontmann Roman Knižka führt das Erstarken der Alt- und Neu-Nazis seit 1959 bis heute vor Augen. Erschreckend ist, dass dieses Programm eine Neuauflage 2025 erforderte, weil die rechtsradikalen Terrorangriffe seit der „Uraufführung“ eklatant zugenommen haben. Mit diesen Fakten unmittelbar konfrontiert zu werden nötigt dem Publikum eine erhebliche emotionale Anstrengung ab. So auch bei der jüngsten Premiere in der Jülicher Schlosskapelle. Wie wichtig es ist, angesichts der jüngsten Wahlergebnisse zu Bundestagswahl auch in Jülich, dürfte unter demokratisch Gesinnten unstrittig sein. Den Schlusspunkt setzt darum auch eine Vision: „2029. Ich kann diese Zukunft sehen“ und die Frage: „Steht die AfD auf dem Boden der Verfassung? Oder wird Deutschland nach der Übergabe der Regierungsgeschäfte unvermittelt ein blaues Wunder erleben?“
1945 am 19. April legten die Befreiten aus dem KZ den Schwur von Buchenwald ab, der in dem Bekenntnis endet: „Wir werden den Kampf erst aufgeben, wenn der letzte Schuldige vom Gericht aller Nationen verurteilt ist. Die endgültige Zerschmetterung des Nazismus ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal“.
Keine 15 Jahre später, am 24. Dezember 1959, erfolgte die Schändung der Synagoge von Köln. Auslöser für eine antisemitische Welle in Deutschland. Als Einspieler rezitiert Roman Knižka die Ansprache des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Fernsehen vom 16. Januar 1960. Er sagt, dass der Antisemitismus nicht im deutschen Volk verwurzelt ist und nennt die Täter „Lümmel“, denen man eine Tracht Prügel verabreichen solle, wenn man sie träfe. „Das ist die Strafe, die sie verdienen.“ Unkommentiert bleiben diese Worte in der Schlosskapelle stehen. Das lässt einem ob des verharmlosenden Vokabulars kalte Schauer den Rücken herunterlaufen.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Gründung der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands – NPD – im Jahr 1964, die bei der Wahl 1969 nur knapp an der 5-Prozent-Hürde scheitert. 1971 Gründung der DVU. 1973 wird die Wehrsportgruppe Hoffmann aktiv und jährlich erfolgen neue Zusammenschlüsse rechtsradikaler Organisationen. Der Anschlag auf die „Wies’n“ in München am 26. September 1980 gilt als der größte Terrorangriff Deutschlands.
Und die Abstände der gewaltsamen Übergriffe werden kürzer: 1987 in Ost-Berlin stürmen Rechtsradikale Schläger ein Konzert in der Zionskirche, 1990 die Ermordung von Amadeu Antonio Kiowa in Eberswalde, Rostock 1992. Man spricht von einer Neuauflage der Kristallnacht in Lichtenhagen. Im selben Jahr erfolgt der Mordanschlag von Mölln, bei dem die Täter selbst die Feuerwehr anrufen und sich mit „Hitlergruß“ verabschieden. Mit der Ermordung von Enver Şimşek am 9. September 2000 in Nürnberg beginnt die Mordserie der NSU, die erst 2011 endete. Gewaltsame Ausschreitungen von Rechtsextremisten in Chemnitz Ende August und Anfang September 2018, die Ermordung – oder besser: Hinrichtung – von Walter Lübke am 1. Juni 2019, gefolgt von dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur am 9. Oktober und schließlich Hanau am 19. Februar 2020: in nur sechs Minuten starben neun Menschen und sechs wurden verletzt.
In dieser Aufführung der Terrortaten erhielten meist nur die Opfer Namen – kaum Täter. Ein gelungener Kunstgriff, der eher unterschwellig die Botschaft vermittelte. Die Worte, Zeitungsberichte, Dokumentationen sprechen für sich. Offene Kritik an Politik, Gerichtsbarkeit und Polizeiapparat gibt es nicht – wohl aber Fakten. Dass etwa der Anwalt des Nazis Rudolf Hess für den Bundestag kandidierten konnte. Dass die Polizei nach den Schüssen in Hanau trotz lautstarker Hilfe-Anrufe mehr als zehn Minuten bis zur Synagoge benötigte und dann auch nur mit einer Streifenwagen-Besetzung erschien. Erst später kamen Notarzt und Rettungswagen dazu. Der Täter filmte sich bei der Tat und veröffentlichte das Video live auf der Plattform Twich. Dass nach dem NSU-Mord Frau und Bruder nicht bei dem sterbenden Opfer sein konnten, weil sie als Tatverdächtige verhört wurden, obwohl die Fakten dem widersprachen. Dass in Chemnitz 6000 extremistische Demonstranten auf 600 Polizisten trafen. Dass bei der Ermordung von Walter Lübke ein Einzeltäter gerichtlich belangt wurde. Die Liste der unerklärlichen Verfahrens- und Verhaltensweisen sowie mangelnden Konsequenzen ist lang und lässt das Publikum ratlos zurück.

Perfomance, Aufführung, Vorstellung…? Schon alleine die Bezeichnung dieser neuen Sonderform vom Ensemble Opus 45 und Roman Knižka ist komplex: Ist es eine musikalische Lesung und szenischen Geschichtsstunde oder disziplinübergreifendes Konzert? „Ich würde gerne diesen Begriff musikalische Narration in Deutschland einführen“, hatte Roman Knižka vorgeschlagen. Ganz gleich, wie der Terminus künftig lauten wird, es handelt sich um ein außergewöhnliches Programm, für das Dramaturgin Kathrin Liebhäuser verantwortlich zeichnet. Auf sie geht auch der abschließende Text mit dem Szenario 2029 zurück. Es entwirft ein Bild des Grauens angesichts des „blauen Wunders“. Ein Eindruck von dem, was derzeit in Planung ist. „Die Wahl“ heißt das neue Projekt, das die Frage angeht: „Was, wenn die AfD die nächste Bundestagswahl gewinnt?“ zum Thema Demokratie am Scheideweg und auf die Frage „Warum?“ folgt die klare Antwort: „Weil wir die Wahl haben. Noch.“ Im Herbst 2025 soll Premiere sein. Zwei Monate nach der anstehenden Kommunalwahl in Jülich.
Hierzu das Hofgeflüster: Sich erschüttern lassen