In der Tat „Keine Kleinigkeit“ ist es, eine Ehe zu führen, die über Jahrzehnte Bestand hat. Wenn diese dann noch eine sogenannte glückliche Ehe ist, ist das Projekt wohl als erfolgreich zu bezeichnen. Im Falle von Peter und „Mum“ – ihren Namen erfährt man tatsächlich im ganzen Buch nicht – muss das Projekt Ehe unter diesem Aspekt wohl als gescheitert bezeichnet werden.
Eine Menge streng reglementierter Rituale und beinahe schon exzentrisch zu nennende Gewohnheiten, wie Tennis völlig ungeachtet der Witterung „immer in Shorts und T-Shirts“ zu spielen, schließlich wäre das „ein Zeichen von Schwäche“ gewesen, zeichnen den Alltag dieses Paares aus. Das gilt auch für die erwachsenen Töchter Miranda und Charlotte, die regelmäßig zu Gast sind. Aus den etablierten Regeln auszubrechen, gelingt auch diesen nur selten. Ein offenes Wort, eigene Bedürfnisse anmelden, gar Fragen stellen? Das ist eher nicht erwünscht. Die eine Schwester besucht die alten Eltern einmal im Jahr, die andere reist eher einmal pro Monat auf das vermeintlich idyllische Landgut irgendwo in der ländlichen Einsamkeit Frankreichs. Warum genau, wird der Leserin nicht so richtig klar. Vermutlich ist es Pflichtgefühl. Die Schwestern vereint der Wunsch, ein Geheimnis aus der Vergangenheit aufzudecken. Ansonsten ist die geschwisterliche Einigkeit ein wenig instabil und funktioniert aus der Ferne besser.
In ihrem ersten Roman zeichnet Camilla Barnes ein schon beinahe beklemmendes Porträt eines alternden Paares und seiner Kinder. Eine liebevolle Familie stellt man sich doch irgendwie anders vor. „Mum“ pflegt ein seltsam distanziertes Verhältnis zu ihren Kindern. Warum, enthüllt die Autorin erst ganz am Schluss. Barnes wählt einen interessanten Stil für ihren Erstling. Mal lässt sie die jüngere „Mum“ in Briefen von ihren Erfahrungen berichten und erlaubt einen winzigen Einblick in so etwas wie eine Gefühlswelt, mal ist es die ironisch-sarkastische Mailkommunikation zwischen Miranda und Charlotte, die sich mit der Ich-Erzählung aus Mirandas Perspektive abwechselt.
Zwar ist „spannend“ nicht das passende Prädikat für diesen Roman, dennoch übt die Geschichte von Camilla Barnes eine derartige Faszination aus, dass man unbedingt wissen möchte, was in diesem merkwürdigen Mikrokosmos auf „La Forgerie“ als Nächstes passiert. Vielleicht bringt er sie doch noch um? Oder umgekehrt? Das Einzige, was sich an diesem Buch überhaupt nicht erschließt, ist der deprimiert dreinblickende Hund auf dem Cover – ein Lama oder auch eine monströse Tiefkühltruhe wären der Geschichte angemessener.
BUCHINFORMATION
Camilla Barnes: Keine Kleinigkeit | 251 S. | Piper | ISBN 9783492073165| 24 Euro