Wer für die Aprilausgabe des Herzogmagazins um ein Essay über den Scherzog oder das in den „April Schicken“, wie dieser Brauch seit dem 17. Jahrhundert genannt wird, aufgefordert wird, muss nachdenklich werden: Soll man etwa selber in den April geschickt werden? Vielleicht nicht der Autor, sondern der Leser? Wer weiß schon, was wirklich hinter dem heutigen Auftrag steht! Also opjepasst, damit hoffentlich keiner hinten Ihnen oder mir „April, April“ rufen kann.
Auch Johann Wolfgang von Goethe greift das Thema auf: „Willst du den März nicht ganz verlieren, so lass nicht in April dich führen. Den ersten April musst überstehen, dann kann dir manches Gute geschehen.“
Mark Twain sah den 1. April selbstkritisch, als er notierte:
„The first of April is the day we remember what we are the other 364 days of the year.“
Im Angelsächsischen heißt der 1. April „All fools’s day“ (Aller Narren Tag) und das Aprilschicken „making an April fool“ (einen Aprilnarren machen).
Der Aprilnarr ist keineswegs der klassische Narr – weder ein Hofnarr des Mittelalters oder der Klassik noch ein selbst gemachter Narr, ein Schalknarr, in der Fastnacht.
Prägend für den Aprilnarren ist jedoch heute, dass er sich übertölpeln lässt und / oder zugleich ein naiver oder einfältiger Mensch ist, was primär nach landläufiger Meinung auf Lehrlinge / Auszubildende zuzutreffen ist.
Narr ist er also heute nicht, weil er sich freiwillig zu einem solchen erklärt wie der Fastnachtsnarr. Im Gegenteil, er will überhaupt nicht närrisch sein. Er lässt sich aber dadurch zum Narren machen, dass er einen Narrenauftrag, später Aprilscherz genannt, als solchen nicht erkennt.
Der Aprilnarr heißt synonym im Rheinischen Apriljeck.
Das ist übrigens auch die liebste Ausdrucksweise des Autors, der in unserer Jejend nichts schöner empfindet als ein jeflissendlich einjeführtes Wort op Platt, und dessen Aprilscherze lauten in etwa so:
Muttkraate Platt wird auf Jülicher Grundschulen als Zweitsprache injefüürt
Oder:
Die Neue Rurbrücke muß für Sanierungsarbeiten 8 Monate lang gesperrt werden
Der Favorit:
Fuchs in Welldorf angeschossen!
Die häufigste Art des Aprilscherzes ist aber noch immer das „in den April Schicken“. Es gilt, einen Narrenauftrag zu erfüllen, bei dem ein bestimmtes, mehr oder minder kostbares oder seltenes Objekt beschafft werden muss. Ein Ibidum (= Ich bin dumm) oder Ohwiedumm, Augenmaß, Mückenfett, Hahneneier, Gänsemilch, gedörrter Schnee, schwarze Kreide, Haumichblau, rosagrüne Tinte, gerade Häkchen, Kuckucksöl, gesponnener Sand, Kieselsteinöl…
Die zunehmende Technisierung spiegelt sich in anderen Objekten: Feilenfett, Betonhobel, Gewichte für die Wasserwaage, Wlan-Kabel, Böschungshobel, Siemens Lufthaken, von außen verstellbare Innenspiegel, ein Globus von Europa.
Es reicht für den Brauch allerdings nicht aus, sich zum Esel zu machen. Es muss auch der Welt verkündet werden. Hierzu gehört das Verhöhnen, das wiederum in Formeln stattfindet.
„April, April“ lautet die Grundformel, mit der der Öffentlichkeit die Narretei angezeigt wird. Die Spottverse lauten in etwa so:
- April, April, de Katz driess, watt se will.
- Aanjeführt, mit Butter geschmiert, mit Käse geleck, häät‘et jood geschmeckt?
- Angeführt mit Löschpapier
morgen kommt der Unteroffizier
mit der Peitsche hinter dir. - Heute ist der 1. April, da schickt man die Narren, wohin man will.
- Apriljeck,
steck’ die Nas’ in de’ Kaffeedreck. - Am 1. April
schickt man die Narren,
wohin man will. - Das ist ein Narr, der sich nimmt an,
was er nicht vollbringen kann! - Mit Narren ist schlimm spaßen.
- Dää Aprilnarr
blief eehne Narr
bis op et janze Jahr. - Wer auf Narren hoffend blickt,
der wird in den April geschickt!
Gerne werden Aprilscherze auch medial in Form von Witzen kolportiert. Einer von der Sorte „makaber“ lautet:
Fritzchen zu seiner Mutter: „Mami, Mami, Papa hat sich aufgehängt!“ Mutter: „Wo denn?“ Fritzchen: „Auf dem Dachboden.“ – Mutter und Fritzchen gehen auf den Dachboden. Mutter: „Da ist er aber nicht.“ Fritzchen: „April, April, er hängt im Keller.“
Das Schlimmste an der diesjährigen Aprilzeit ist jedoch, dass Aprilscherze von vor zehn Jahren heute bitterböse Realität geworden sind. Da wird die Welt von einem amerikanischen Nar(r)zisten in ihre Einzelteile zerlegt und? Und mein Freund-Feind-Denken steht auf dem Kopf. Da traut man sich ja kaum noch, sein Steak im US Cut beim Metzger zu ordern.
Da wurde uns jahrelang eingebläut, wir müssen global denken… Und jetzt nur noch europäisch?
Ja, ich bin alle US Alternativprodukte durchgegangen, aber zieh‘ ich das durch?
Und schon wieder schließt sich der Kreis. Unsere Weltordnung ist so unzuverlässig wie das Aprilwetter.
Und unsere Politiker drehen sich wie Wetterfähnchen im Wind.
Darum ist eines so wichtig für uns: Ein Scherz und ein Lachen helfen über die Sorgen des Alltags hinweg, und das ist auch mit ein Grund, dass in der Karnevalszeit so viele Veranstaltungen gut besucht worden sind.
Genau, alles Schnee von gestern, den wir nicht wirklich hatten, aber…
Es bleibt noch die Freude auf die nächste… Jaaaa, nicht ganz Fake-News freie Ausgabe vom Scherzog.