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Kirchenchor St. Agathe Mersch hat sich nach 344 Jahren aufgelöst

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Foto: Verein
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344 Jahre hat es ihn gegeben, den Chor der Kirchengemeinde St. Agatha aus Mersch-Pattern. Unglaubliche dreieinhalb Jahrhunderte lang haben die Sängerinnen und Sänger – obwohl, ob immer gemischt gesungen wurde? – mit ihren Stimmen Gottesdienste und Kirchenfeiern festlich untermalt. Doch damit ist nun Schluss. Auf sechs bis acht Menschen und ihre Stimmen geschrumpft, hat sich der Chor schließlich und durchaus schweren Herzens aufgelöst. „Es ist sehr sehr schade, aber die Entscheidung ist einstimmig gefallen“, berichtet Angela Wirtz mit Bedauern, aber auch einem gewissen Pragmatismus.

Mit so wenigen Stimmen lässt sich „einfach kein vernünftiger Klang mehr hinkriegen“, erklärt die ehemalige Vorsitzende des Chores, das wichtigste Warum. Verstärkung für die kleines Sangesgemeinschaft war weit und breit nicht in Sicht, obwohl „wir immer wieder gefragt“ haben. Auch das Repertoire der Lieder ist in den vergangenen Jahren deutlich erweitert worden. „Unser Chorleiter Hubert Ilbertz hat neue moderne Lieder reingebracht“, erzählt Angela Wirtz. Doch trotz der Wise Guys, Stücken aus dem Musical Cats oder beliebten Schlagern zum Beispiel von Udo Jürgens ist der Nachwuchs ausgeblieben. Auch „große Erfolge“ wie etwa das sogenannte Frühlingssingen oder gemeinsame Sommerkonzerte mit dem Selgersdorfer Chor haben keine Verstärkung für die Sängerinnen und Sänger gebracht. „Da ist gar nichts gekommen“ resümiert Angela Wirtz sachlich.

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Irgendwann geht es „an die Substanz“, so Wirtz, wenn wenige Stimmen versuchen einen Chorklang hinzubekommen. Sie als Sopranstimme hätte es da noch etwas einfacher, aber als Alt oder Bass alleine dazustehen, das ginge einfach nicht. Ab und an gab es musikalische Verstärkung aus dem kleinen Ort Müntz. Dort haben Angela Wirtz, ihre Schwester und ein weiterer Mitsänger aktuell ihr gesangliches Zuhause gefunden, zumindest „waren wir schon zum Probesingen dort“. Aber auch ihr ehemaliger eigener Chor beschäftigt seine frühere Vorsitzende noch ganz ordentlich. „Da gibt es noch so viel aufzulösen“, lacht Angela Wirtz. Angefangen von sachlich-nüchternen Dingen wie den Kassenbüchern und Jahresabschlüssen, die archiviert werden wollen, gibt es noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Glücklicherweise gibt es immer drei, vier Mitstreiter und Helfer, die sich gemeinsam den Unterlagen widmen.

Stapelweise Papier gibt es noch an anderer Stelle zu sichten: Ein „“wahnsinniges Notenmaterial“ hat der Chor in den vergangenen Jahren zusammengetragen. Da sind ganz viele „schon uralte Noten“, etwa ganze Messen dabei. „Wir sind uns einig, dass wir nichts wegschmeißen wollen“, betont Angela Wirtz. Sicherlich ist so manch wertvolles Notenblatt darunter. Ob aus dem 17. Jahrhundert, der Gründerzeit des Chores von St. Agatha, noch Papiere dabei sind? Eher unwahrscheinlich. Denn dann hätte man vermutlich bereits früher gewusst, wie alt der Chor tatsächlich ist. Das Geburtsjahr 1680 jedenfalls hat die Sängerinnen und Sänger zunächst mächtig überrascht, lacht Angela Wirtz. Wollte die Sangesgemeinschaft im Jahr 2000 den 140. Geburtstag gebührend feiern, so überraschte Wirtz‘ Onkel Josef Lowinski die versammelte Feiergesellschaft damals mit der Erkenntnis, dass es tatsächlich bereits 320 Jahre waren. „Wir sind rapide gealtert“, schmunzelt sie noch heute.

Dass diese Erkenntnis nicht mal im Handumdrehen entstand, dürfte kaum überraschen. Jahrelange akribische Recherche in diversen Archiven gingen ihr voraus. 30 Jahren hat Josef Lowinski in den Archiven von Koblenz, Köln, Düsseldorf, Aachen, Bonn, Düren, Jülich und Arnheim schriftlich nachgeforscht. Frei nach dem Motto „das Gute liegt so nah“ wurde er allerdings auch im Pfarr-Archiv von St. Agatha selbst fündig. „Verborgen unter alten Geschichtsakten“ fand sich das Bruderschaftsbuch aus dem jahre 1680, in dem erstmals von „Chor-Singern“ die Rede war. Schließlich bekam er im November 2000 einen Anruf aus dem Sekretariat des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland in Regensburg, der ihm bestätigte, dass der Merscher Kirchenchor zu den ältesten seiner Art in Deutschland gehöre.

Eine andere wichtige Zahl in der Geschichte des aufgelösten Kirchenchores lautet 28. So lange nämlich hat Heinrich Derichs als Chorleiter den Taktstock in Händen gehalten und ist damit einer der dienstältesten in Mersch-Pattern. Noch länger waren nur Wilhelm Moritz – bei ihm waren es 41 Jahre – und Heinrich Mohr, der es sogar auf 49 Jahre brachte, in Amt und Würden. Die Liste der Chorleiter reicht aktuell zurück bis Ende des 19. Jahrhunderts, ob sich in irgendeinem Archiv eine noch ältere Übersicht findet, ist derzeit wohl nicht bekannt.

Zwar war die liturgische Begleitung von Gottesdiensten die Hauptaufgabe des Chores, doch bekanntermaßen schließen sich Karneval und Kirche vor allem im Rheinland nicht aus. Folgerichtig gab es Chor-eigene Altweiber- und Karnevalsfeten, selbst in die Bütt stieg die eine oder der andere. Ab und an standen sogar Auftritte auf den Sitzungen der KG Bretzelbäckere im Kalender, und im Rosenmontagszug segelte der Chor als „Müllemer Böötche“ oder, ganz passend, als Notenblätter oder im „Sister Act“-Nonnen-Habit mit.

Für die Mitglieder hat ihr Chor nicht nur Musik bedeutet, sondern vor allem auch Gemeinschaft, Zusammenhalt und „Gemütlichkeit“. Gemeinsame Essen, mal aufgeteilt in Damen und Herren, mal zusammen, Weihnachtsfeiern und der Spaß bei den regelmäßigen Chorproben sind rückblickend betrachtet der „Kitt“, der die Gemeinschaft zusammenhielt. Auch gemeinsam Gutes zu tun, hat zusammengeschweißt. So wurde alle zwei Jahre ein weihnachtliches Konzert gegeben, bei dem statt Eintritt Spenden gesammelt wurden, mit denen dann unter anderem Kitas und gemeinnützige Einrichtungen unterstützt wurden.

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Britta Sylvester
Klönschnacktee mit der Muttermilch aufgesogen und inzwischen beim rheinische Kölsch angekommen. Übt sich in der schreibenden Zunft seit Studententagen zwischen Tagespresse und Fachpublikationen und… wichtig: ließ das JüLicht mit leuchten.

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