Start Nachrichten Brauchtum 18 Stunden Alaaf mit Herz

18 Stunden Alaaf mit Herz

Es ist noch ganz schön frisch um 8 Uhr morgens auf dem Anne Käthe Breuer Platz in Stetternich. An der Bushaltestelle in Sichtweite der Kirche herrscht trotz knapp-über-Null Grad schon buntes Treiben. Die KG Schanzeremmele ist startklar für Weiberfastnacht.

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Fünf mit Herz von der KG Schanzeremmele. Foto: Dorothée Schenk
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Das „Fünfgestirn“ der KG Schanzeremmele steht da im Ornat, die kleinen Schanzeremmele Hektor und Ragna haben „drei Jacken an“, wie sie kundtun, die Showtanzgruppe tragen Jogginghosen und dicke Steppjacken über ihren Glitzeranzügen, die Delegation aus dem Elferrat ist im Anzug unterwegs nur „Bobo“ ist im Oberhemd unterwegs – ohne Jacke. Flapsige Bemerkungen stimmen schon mal auf den Tag ein, die närrische Gemeinschaft ist lachbereit und abfahrbereit. Prinzessin Eva strahlt und das schon morgens um 8 Uhr – bewundernswert. Sie freut sich, das sieht man ihr an. Von Stress keine Spur.

Rund 30 Auftritt hat sie mit ihrer Truppe seit Session schon absolviert, sagt Präsident Michael Rahmen und an diesem Tag der Wortführer, der den Tagesplan und die Organisation fest in der Hand hält. Es stehen die Grundschule in Welldorf, der Stetternicher Kindergarten, „Sabines Kindergarten“ – Bäuerin Sabine Bragard ist im wirklichen Leben Erzieherin, – das Nordviertel, das Zelt in Oberzier und als Finale der Besuch im Rathaus an.

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Fragt man die Prinzessin, schätzt sie „50 Auftritte waren es bestimmt“. Egal… Jedes Wochenende unterwegs – warum macht man das? Wenig Schlaf, immer gut aussehen, immer strahlen, schminken, Ornat parat machen… und das neben dem Broterwerb, der ja unter der Woche auch noch bewältigt werden muss, wie Sohn Hektor naseweist. „Schon als kleines Stötzchen fand ich immer das Dreigestirn gut“, sagt Eva Marx lächelnd, die im bürgerlichen Leben Apothekerin ist. „Es ist ein Lebensgefühl. Wenn Du hier aufgewachsen bist und mit dem Karneval wirklich etwas zu tun hast, dann ist das im Herzen, im Blut und etwas ganz besonderes, einmal ,Prinz‘ zu sein.“ Höhepunkte waren die Sitzungen vor eigenem Publikum, aber eigentlich „waren alle Auftritt ein Highlight“ schwärmt Prinzessin Eva. „Das Größte war für mich, die vielen Menschen und die anderen Dreigestirne kennenzulernen.“ Um als schmucke Prinzessin gut auszusehen, trägt sie über einem Hochzeitskleid ein wunderschönes rotes samtenes Ornat – „Erika Müller-Bong sei Dank!“ Sie hat es der Majestät auf den Leib geschneidert und gleich Pflegetipps mitgeliefert, erzählt Eva Marx.

Präsident Rahmen hebt die Stimme: „Wenn wir in Welldorf ankommen, werden wir direkt einmarschieren. Ihr müsst Euch also direkt fertigmachen“, weist er seine Tages-Reisegruppe an. „Ihr könnt Euch schon mal im Bus warmmachen“, meint er grinsend in Richtung Showtanztruppe. „Oder hinter dem Bus herlaufen, dann seid ihr warm“, witzelt es aus der Gruppe der Umstehenden. Da kommt schon der Bus des Tages mit der Aufschrift „Schanzeremmele“ – kein Zweifel, wer da einsteigen wird.

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Bepackt mit Geschenke-Körben für die Grundschüler in Welldorf und die Stetternicher Kindergartenkinder, Kölsch-Kisten, Bärbelchen, Wasser und Snacks für zwischendurch sowie Tüten mit kleinen Brötchen zur Stärkung entert die KG den Bus. Außerdem im Gepäck eine Bluetooth-Box, aus der sich gleich die ersten karnevalistischen Klänge ihren Weg in die noch etwas müden Ohren und Beine bahnen.

So in Stimmung gebracht, geht es ins benachbarte Welldorf, wo in der vollbesetzten Turnhalle die Grundschulgemeinschaft schon die Schanzeremmele erwartet. Konrektorin Claudia Flucht moderiert launig die KG an. Was ein Fest, dass nach 77 Jahren Schanzeremmele, das erste weibliche Dreigestirn die KG führt – und dann auch noch ein „Fünfgestirn“ ist. Denn, noch mal zur Erinnerung: Prinzessin Eva (Marx), Bäuerin Sabine (Bragard), Jungfrau Sandra (Dreesen) sehen sich mit Prinzessinenführerin Sidonja (Emmerich) und Schanzeremmel Ela (Gierkens) als Quintett, denn ohne die „Sidekicks“ geht es eben nicht. Mit großen Augen und fast ein wenig ehrfurchtsvoll werden sie bestaunt. So sehr, dass es an den Kindern an Stimme fehlt. „Könnt Ihr das auch lauter“, heizt der Präsident den kleinen Narren ein und dann bebt die Turnhalle „Jaaaaa“ – sie wollen Fünfgestirn und die Mädels tanzen sehen.

Auftritt erledigt. Im Flur wartet schon Präsident Thomas Beys mit der Abordnung seiner KG Schnapskännchen. Küsschen, Tschüsschen, weiter geht es. Ab nach Stetternich, wo eine festlich geschmückte KiTa an der Landstraße auf die ortsansässige KG zum Heimspiel wartet. Erst gilt es aber die viel- und schnellbefahrene Straße zu überqueren: „Vorsicht“, ruft Vorsitzender Boris Boeckem aus und übernimmt die Regie als Querungshilfe.

Und in der KiTa zeigt sich dann, wie Karneval live und in Farbe ist: Die Technik hakt, da muss improvisiert werden. „Ute hat die CD, Ute hat die CD“, skandiert das Fünfgestirn. „Ute“ ist aber im Bus geblieben. Gut, tanzen zuerst die Kinder und sind mit Tom Schilling „Völlig losgelöst“, bis dann der majestätische Tanz nachgeholt wird. KiTa-Leiterin Manuela Becker überreicht die von Kinderhand gemachten Orden, die von den Beschenkten bewundert werden. „Das sind die schönsten Orden überhaupt“, sind sich Bäuerin und Prinzessin schnell einig.

Schluss und ab in den Bus – der sich übrigens zusehends füllt, weil gefühlt bei jedem Halt, noch jemand zusteigt. Ab sofort unter den Mitfahrern Karl-Philipp Gawel, Kalik, der Vize-Senatspräsident der Gesellschaft. Los geht’s zur KiTa „Schatzmäuse“, Sabines Kindergarten am Schulzentrum in Jülich. Auch hier großes „Hallo“, Ordenstausch mit Einrichtungsleitung Sonja Koglin und richtig bewegt wird es dann beim „Körperteile Blues“, bei dem nicht nur der närrische Nachwuchs, sondern auch die Majestäten, Senatoren und Elferräte mitmachen.

Jetzt eine Stärkung! Heimspiel für Eva Marx: Im Nordviertel erwartet die Gesellschaft in und an der Apotheke ein Imbiss … und natürlich Kölsch. Beschwingt führt Prinzessin Eva eine Polonaise an, die durch die Geschäfte der Nordstraße führt bis die „Löcher aus dem Käse“ fliegen und wer auch immer wem an die Schulter greift. Sie macht auch nicht Halt vor der Metzgerei Claßen, in der lachend die Kundschaft Spalier steht, bis der „Zug“ sich durch die hinteren Räume und das Rolltor wieder verabschiedet. Ganz großes Kino! Alaaf! „Am schönsten is et in Jülich an der Rur!“ Das Bekenntnislied, das auf keiner CCKG-Sitzung fehlen darf, schmetterte allen voran Mike Dransfeld unterstützt von Jungfrau Sandra und Vizesenatspräsident Kalik.

Nächste Station: Festzelt Oberzier. Die Mannschaft soll sich sammeln zur Bändchenausgabe wegen „freier Eintritt“ – gibt keine Bändchen? Auch gut. Prinzessinenführerin Sidonja hat inzwischen ein Pittermännchen organisiert. Kränze machen die Runde, der Imbiss wird für feste Nahrung frequentiert. Alles wichtig, um den Tag durchzustehen. Zeit für Klaaf bleibt außerdem, bis ganz überraschend auf einmal der Bühnenaufmarsch angesagt wird. Da wird es dann doch kurz hektisch – gelächelt und gestrahlt wird trotzdem. Die Schanzeremmele haben „Spassss“, das sieht man. Und einmal mehr zeigt die Showtanztruppe ihr Können, hochdiszipliniert tanzt sie sich ins „Abenteuerland“ und die Solotanzmariechen Charlotte – Lotti – Gausmann und Nele Gierkens zeigen, was sie bei Trainerin Jil Frey gelernt haben.

Apropos: Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass das Fünfgestirn tanzt? Melanie Rautenberg von den Katzemern, verrät das Quintett, hat den ersten Teil choreografiert und Teil 2 ist auf KG-eigenem Mist gewachsen. „Die KG hat uns gesagt: Wir dürfen definitiv nicht singen“, grinst Prinzessin Eva. „Dann haben wir gesagt: Können wir sowieso nicht, aber wir können tanzen.“ Und weil sich alle fünf als Gemeinschaft verstehen, kam eben nur ein Gruppenauftritt infrage. Das kommt hervorragend an, wie sich auch an diesem Tag wieder zeigt, denn sie „fiere et levve“ und dafür gehen sie „all in“, bis sie schließlich als großes Herz zur Schlussformation antreten. Rund drei Monate haben sie dafür trainiert und geprobt. Das sieht man den leichtfüßigen Majestäten nicht an. Respekt!

Und Kondition haben sie auch, denn auch nach Auftritt 6 sieht hier keine(r) abgekämpft aus. Im Gegenteil im Bus geht es dann „oben – unten – obenuntenobenunten – rechts, links“. Der Bus tanzt. Die Stimmung siedet dem Höhepunkt entgegen: Finale im Rathaus, die „höchste Bühne“ in ganz Jülich. Das Bad in der Menge scheint die KGler noch zu erfrischen, hier wird noch mal Tuchfühlung mit den befreundeten Gesellschaften und dem Narrenvolk aufgenommen – bis dann die große Treppe im Foyer erklommen wird zum letzten Auftritt des Tages. Und im proppevollen Rathauseingang schwappt die Welle der Begeisterung, die die Schanzeremmele mitbringen, über. Letzte Orden wechseln den Besitzer und dann heißt es „Abfahrt“ in die Heimat. Der Remmeldance erwartet die Reisegesellschaft im Festzelt auf der Klause. Klar, dass hier dann nicht nur eine Stippvisite erfolgt – Tanz bis tief in die Nacht. Nach 18 Stunden Alaaf mit Herz geht der Tag dann doch dem Ende zu (bei manchen vielleicht auch länger, so genau weiß man das nicht). Abschminken, Kleider lüften… Bett. Parat sein für den Endspurt!

Und beim Remmeldanz ging es dann schließlich weiter bis die Füße qualmten.

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