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„Ich hab Rücken“, hat er nicht gesagt. Es war die aktuell so heftig grassierende Grippe, die den als Referenten vorgesehenen Sektionsleiter der Wirbelsäulenchirurgie, Andreas Thönneßen, ausfallen ließ. Doch auf das geplante Patientenforum des Jülicher Krankenhauses zu eben diesem Thema mussten die Besucherinnen und Besucher im vollbesetzten Gruppenraum der Physiotherapie nicht verzichten. Mit Fouzi Emetike sprang der zweite Rückenspezialist des Krankenhauses kurzfristig ein.
An seiner Seite: Chefarzt Dr. Michael Lörken, der einen kurzen Überblick über die Schwerpunkte und Spezialisten der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie gab. Als Sektionsleiter für Endoprothetik ist Fouzi Emetikes Schwerpunkt in Jülich der Gelenkersatz. Doch der Oberarzt verfügt auch über ein Masterzertifikat Wirbelsäule, wie der Chefarzt berichtete. „Ich hoffe und denke, Sie werden mit uns als Ersatz heute ganz gut leben können“, sagte Dr. Lörken augenzwinkernd und setzte damit den Ton für eine kurzweilige, von intensivem Austausch mit dem Publikum geprägte Gesundheitsstunde. Diese wurde eröffnet von Barbara Goller, Leiterin Regionales Gesundheitsmanagement beim Mitveranstalter AOK. In ihrer Begrüßung ging sie auf den Untertitel des Forums „Muss ich operiert werden?“ ein. „Nur informierte und aufgeklärte Patienten können diese Frage gemeinsam mit den behandelnden Ärzten gut und richtig beantworten“, betonte die AOK-Vertreterin. „Daher ist es wichtig, dass wir solche Informationsveranstaltungen anbieten können und dass sie so gut angenommen werden.“
Muss ich operiert werden? Für viele Menschen sei diese Frage mit großen Ängsten verbunden, sagte Fouzi Emetike zu Beginn seines Vortrags. „Wenn etwas schiefgeht, sitze ich im Rollstuhl“, höre er häufig. „Selbstverständlich nehmen wir diese Ängste sehr ernst“, betonte Emetike. Doch zum einen sei das Risiko von Behandlungsfehlern mit schlimmen Folgen äußerst gering und zum anderen werde in Jülich auch nur dann operiert, wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten nicht mehr helfen.
Wichtig sei zunächst die richtige Diagnose. Und das ist bei Rückenbeschwerden nicht immer leicht: Mit gerade einmal 4 Prozent der Fälle ist der Bandscheibenverschleiß oder -vorfall der häufigste spezifische Grund für Rückenschmerzen. Mit 3 Prozent folgt die Spinalkanalstenose vor dem Wirbelgleiten (2 Prozent). In über 80 Prozent der Fälle sind Rückenschmerzen unspezifisch – sie lassen sich nicht eindeutig auf krankhafte körperliche Ursachen zurückführen, erklärte der Experte. Die gute Nachricht: „Zwar leiden 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal pro Jahr unter Rückenschmer-
zen, doch in den allermeisten Fällen sind die Beschwerden innerhalb von sechs Wochen wieder weg.“
Als erste Wahl bei der Behandlung von stärkeren Rückenschmerzen nannte Fouzi Emetike die Infiltration, also das Spritzen von entzündungshemmenden und schmerzstillenden Mitteln. „Wir können die Nadel unter Röntgen direkt an den Nerv bringen. In der Folge schwillt er ab, es entsteht mehr Raum.
Oft erreichen wir so eine Schmerzlinderung von 95 Prozent“, berichtete Emetike. Doch wie lange die Linderung andauere, könne leider nicht vorhergesagt werden: „Das ist individuell sehr unterschiedlich. Es können Tage, Wochen oder viele Monate sein.“ Und unendlich oft kann die Spritzen-Prozedur nicht
wiederholt werden, weil mit jeder Infiltration auch die Gefahr einer Infektion bestehe. Nach gründlicher Abwägung und intensiven Gesprächen mit den Patienten könne schließlich eine OP bei Bandscheibenvorfall, Verengung des Spinalkanals oder anderen klar definierten Ursachen die
richtige Option sein, sagte der Oberarzt. Emetike zeigte den Besucherinnen und Besuchern bewegte Bilder einer 87-jährigen Patientin, die nach einer Operation wieder richtig flott unterwegs war. „Heute OP, nach zwei Tagen Entlassung, am dritten Tag Urlaubsreise“, schilderte der Referent mit Humor
den Ablauf eines Eingriffs.
Und was kann ich tun, um Rückenprobleme erst gar nicht entstehen zu lassen oder eine Verschlimmerung zu verhindern? „Auf jeden Fall Gewicht reduzieren“, sagte Emetike und blickte lächelnd an sich hinunter. Sehr hilfreich sei zudem der Aufbau der Rückenmuskulatur, am besten durch Rückenschule oder auch durch Schwimmen. Das sei auch für Patienten nach einer Operation von großer Bedeutung, betonte Emetike: „Wenn ein Wirbelsäulensegment bei einem Eingriff versteift wurde, dann werden die Nachbarsegmente danach natürlich höher belastet. Eine starke Muskulatur ist dann für die Wirbelsäule eine große Hilfe.“