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Die Pro­fis in Sa­chen Nadel, Faden und Stoff 

 

Reiß­ver­schlüs­se, Knöp­fe, Näh­garn, Bän­der… Die Liste ist lang. Und wächst bei län­ge­rem Nach­den­ken immer nur noch wei­ter. Dabei geht es doch hier um Kurz­wa­ren. Aber, was genau sind denn Kurz­wa­ren ei­gent­lich? „Kur­ze Waren? Vi­el­leicht kurz im Sinne von schnell?“ mut­maßt Ruth Fi­scher, Fach­frau bei „Stof­fe Zan­der“, jenem Ge­schäft in Jü­lich, in dem es Kurz­wa­ren in großer Zahl, Farbe und Form zu kau­fen gibt.

 

Aber ge­nau­so schnell schüt­teln Ruth Fi­scher und Kol­le­gin Ser­pil Sim­sek den Kopf und müs­sen schmun­zeln über so viel Rat­lo­sig­keit auf allen Sei­ten: „Kei­ne Ah­nung, wieso Kurz­wa­ren jetzt so hei­ßen.“ Auch ein Blick in den Duden hilft nicht viel wei­ter. Klei­ne­re Ge­gen­stän­de, die beim Nähen, Stop­fen, in der Schnei­de­rei ge­braucht wer­den, heißt es da.

 

Genau be­trach­tet ist der Aus­druck als sol­cher aber wohl auch gar nicht so wich­tig. Wich­tig ist, und das ist un­be­strit­te­ne Tat­sa­che, dass Ser­pil Sim­sek, Ruth Fi­scher und ihre bei­den Kol­le­gin­nen Me­la­nie Wings und Re­na­te Buhre im Handum­dre­hen die pas­sen­de „kur­ze Ware“ aus dem Regal fi­schen. Wel­cher Reiß­ver­schluss für wel­chen Zweck, wann braucht man eine lange dicke Nadel und wann muss es eher das zier­li­che Werk­zeug sein und wie be­kommt man eine Hand­ta­sche am bes­ten ver­schlos­sen? Für die Pro­fis in Sa­chen Nadel, Faden und Stoff sind sol­che Fra­gen gar kein Pro­blem. „Ach genau, Appli­ka­tio­nen ge­hö­ren auch dazu“, fällt es Ser­pil Sim­sek noch ein. Appli­ka­tio­nen? Klei­ne Bild­chen aus Stoff, die als De­ko­ra­ti­on auf Klei­dungs­stücke ge­näht wer­den – vie­len Le­sern si­cher­lich eher noch als „Fli­cken“ be­kannt, wel­che auf die auf­ge­scheu­er­ten Knie der Lieb­lings­ho­se plat­ziert und die­ser so ein etwas län­ge­res Leben ver­lie­hen.

 

Und wer kauft nun die Kurz­wa­ren? Die Ant­wort auf diese Frage ist so kurz wie ein­fach: Frau­en sind es in ers­ter Linie. „Wir haben viel­leicht ein Pro­zent Män­ner unter un­se­ren Kun­den“, schätzt Ruth Fi­scher und er­gänzt: „Das sind dann vor allem Jün­ge­re.“ In aller Regel aber ist die Kun­din weib­lich, zwi­schen 25 und 45 Jah­ren alt und schnei­dert in ihrer Frei­zeit. „Bei vie­len Frau­en geht das mit dem ers­ten Baby los“, plau­dern die Fach­frau­en aus dem Näh­käst­chen. Und die Omas nähen dann eben­falls fürs En­kel­kind, wis­sen die zwei Frau­en – in Ser­pil Sim­seks Fall sogar aus ei­ge­ner Er­fah­rung.

 

So man­che Kun­din be­tritt das Stoff­ge­schäft ohne einen fer­ti­gen Plan im Kopf, nur mit einer vagen Idee. Dann hel­fen die Näh­pro­fis mit Rat und Tat, su­chen das pas­sen­de Schnitt­mus­ter her­aus und wäh­len aus der Viel­zahl an Stoff­bal­len den ge­eig­ne­ten. Und zu guter Letzt geht es ins De­tail: Die Kurz­wa­ren sind es, die dem selbst ge­schnei­der­ten Stück oft erst den letz­ten Schliff ver­lei­hen. Ein paar de­ko­ra­ti­ve Knöp­fe ver­wan­deln die hand­ge­näh­te Bluse in ein un­ver­wech­sel­ba­res Uni­kat, mit Druck­knöp­fen lässt sich das gute Stück wie­der­um eher un­sicht­bar ver­schlie­ßen. Wer einen Man­tel näht, möch­te viel­leicht große Schlau­fen dar­auf plat­zie­ren und soll es ein (kunst-)pel­zi­ges Jäck­chen sein, be­nö­tigt die Schnei­de­rin so ge­nann­te Pelz­ha­ken. In der Kar­ne­vals­zeit grei­fen die Kun­din­nen dann wohl eher in das Regal, in dem sich die glit­zern­den Schnü­re und Lit­zen sta­peln. Und selbst, wer nur den Gür­tel enger schnal­len möch­te, ist im Kurz­wa­ren­ge­schäft rich­tig. Auch Loch­zan­gen fin­den sich in der Ab­tei­lung mit den „Werk­zeu­gen“.

 

Über­haupt ist die Nach­fra­ge nach Kurz­wa­ren, wenn auch nicht un­ge­bro­chen, so aber doch immer noch groß. „Kurz­wa­ren wer­den viel be­nö­tigt“, wis­sen Ser­pil Sim­sek und Ruth Fi­scher. Zwar macht der In­ter­net­han­del auch an die­ser Stel­le dem Fach­ge­schäft Kon­kur­renz, aber die Jü­li­cher schei­nen zu wis­sen, wo sie die not­wen­di­gen kur­z­en Waren kau­fen kön­nen und kom­men ge­zielt. „Wir sind das ein­zi­ge Ge­schäft hier, das eine so große Aus­wahl an Kurz­wa­ren hat“, so die eben­so selbst­be­wuss­te wie of­fen­sicht­li­che Be­grün­dung der bei­den Fach­frau­en hin­ter dem La­den­tre­sen, über den die un­ge­zähl­ten Knöp­fe, Näh­garn­rol­len und Stoff­me­ter ge­reicht wer­den. Seit rund 50 Jah­ren gibt es das Fach­ge­schäft für Kurz­wa­ren und Stof­fe in der Klei­nen Rur­stra­ße be­reits: „Ich bin schon als Kind hier­her ge­kom­men“, er­in­nert sich Ruth Fi­scher.

 
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Und wel­che Kurz­wa­ren sind die be­gehr­tes­ten? Auch hier kommt die Ant­wort wie aus der Pis­to­le ge­schos­sen: „Knöp­fe, Garn und Reiß­ver­schlüs­se“ sind die Klas­si­ker unter den klei­nen Ge­gen­stän­den, die zum Nähen – und in die­sen Fäl­len mög­li­cher­wei­se schlicht zum Re­pa­rie­ren – be­nö­tigt wer­den. Ein­mal ab­ge­se­hen vom Reiß­ver­schluss, der doch eine be­trächt­li­che Länge haben kann, in der Tat alles eher kurze Waren. Also ist die an­fäng­lich ge­äu­ßer­te Ver­mu­tung viel­leicht doch nicht un­be­dingt von der Hand zu wei­sen. Und tat­säch­lich, dass „Grim­m’­sche Wör­ter­buch“ bie­tet Auf­klä­rung: die /kurze/ ist wol ei­gent­lich die nicht nach der elle ge­mes­sen wird, keine /el­len­waa­re/ ist, die dann mit der /lan­gen waare/ ge­meint sein müss­te.

 

Kurze Waren in Ab­gren­zung von lan­gen Waren sind es also, die sich hin­ter dem heute ge­bräuch­li­chen Be­griff ver­ste­cken – und dass der Reiß­ver­schluss da nicht ganz hin­ein passt, ist wenig ver­wun­der­lich. Schließ­lich hat die prak­ti­sche Er­fin­dung erst Mitte des 19. Jahr­hun­derts ihren Sie­ges­zug an­ge­tre­ten, zu einem Zeit­punkt also, als die be­rühm­ten Mär­chen­on­kel Grimm schon alte Män­ner waren und diese Neue­rung viel­leicht an ihnen vor­bei ging.

 

  Brit­ta Syl­ves­ter