17-03-Olevano-Schirmer-Kauf

För­der­ver­ein Mu­se­um Jü­lich e.V.  Neuer Schir­mer aus Ole­va­no 

 

Der För­der­ver­ein Mu­se­um Jü­lich e.V. blickt auf ein er­folg­rei­ches Jahr 2016 zu­rück. Die Mi­ner­va-Preis-Ver­lei­hung und das En­ga­ge­ment für den not­wen­di­gen Ei­gen­an­teil des Mu­se­ums Zi­ta­del­le zur Teil­nah­me am Re­stau­rie­rungs­pro­gramm des Lan­des NRW waren zwei Schwer­punk­te. Dazu kommt nun noch der er­folg­rei­che Ab­schluss einer lang­wie­ri­gen Neu­er­wer­bung für die Schir­mer­samm­lung mit Hilfe der An­kaufs­för­de­rung des Lan­des NRW. 

Als die Jü­li­cher Ex­per­ten 2014 das 42 x 54,8 cm Ge­mäl­de mit ita­lie­ni­schem Motiv von 1839/40 im Kunst­han­del ent­deck­ten, war die Auf­re­gung groß. Der 1807 in Jü­lich ge­bo­re­ne Jo­hann Wil­helm Schir­mer ist für die Ent­wick­lung der Land­schafts­kunst im 19. Jahr­hun­dert eine ent­schei­den­de Schlüs­sel­fi­gur. In den großen Samm­lun­gen des In- und Aus­lands las­sen sich seine Werke fin­den. Das Mu­se­um Zi­ta­del­le Jü­lich prä­sen­tiert im Pul­ver­ma­ga­zin die größ­te stän­di­ge Aus­s­tel­lung zu dem Künst­ler, der auf­grund der Aus­bil­dung von rund 300 Schü­lern als er­folg­reichs­ter Kuns­ter­zie­her des 19. Jahr­hun­derts be­zeich­net wird. Der För­der­ver­ein des Mu­se­ums hat in den letz­ten 15 Jah­ren maß­geb­lich zur Pro­fi­lie­rung die­ses über­re­gio­nal be­kann­ten Aus­hän­ge­schil­des des Mu­se­ums bei­ge­tra­gen. Das vor­lie­gen­de Ge­mäl­de ist Teil einer Serie von großen, bild­mä­ßi­gen Frei­licht­stu­di­en. Im frü­hen 19. Jahr­hun­dert nutz­ten Künst­ler die Plein­air­ma­le­rei zur far­bi­gen, na­tur­treu­en Er­fas­sung von Mo­ti­ven und vor allem Stim­mun­gen vor Ort. Mit einer lo­cke­ren Pinsel­füh­rung und pas­to­sem Far­b­auf­trag gibt Schir­mer die An­sicht eines ita­lie­ni­schen Berg­dor­fes wie­der. Der klei­ne Ort Ole­va­no war im 19. Jahr­hun­dert stark fre­quen­tiert. Er lag auf der Route von vie­len deut­schen Künst­lern, die das ma­le­ri­sche Um­land von Rom er­kun­de­ten, und war auch bei an­de­ren eu­ro­päi­schen Ma­lern ein Muss. Wie bei vie­len sei­ner Frei­licht­stu­di­en ar­bei­te­te Schir­mer auch hier mit Öl­far­be auf Pa­pier. Spä­ter wurde sie auf Holz auf­ge­zo­gen. Ty­pisch ist das Kür­zel „J.W.S.“ unten rechts, mit dem die in der Aus­bil­dung ein­ge­setz­ten „Vor-Bil­der“ mar­kiert waren. Dank der Kon­tak­te des Jü­li­cher Mu­se­ums kann das Motiv ganz kon­kret ver­or­tet wer­den. Es ist der Blick von Ole­va­no nach San Vito. Bei einer For­schungs­rei­se in La­ti­um wurde mit dem aus Ole­va­no stam­men­den Kunst­his­to­ri­ker Do­me­ni­co Ric­car­di der Stand­punkt des Ma­lers lo­ka­li­siert. Von un­mit­tel­bar vor der Porta Sole blickt man auf die ins Tal ab­fal­len­den Via Ara di Sante links und die Via San Gio­van­no rechts. Im Mit­tel­grund links ist die Ka­pel­le San­tis­si­ma An­nun­zia­ta zu sehen, im Hin­ter­grund die Prae­nes­ti­ner­ber­ge mit dem Monte Gua­da­guo­lo.

Vor der Er­fin­dung der Fo­to­gra­fie waren Stu­di­en wie diese die wich­tigs­te Ar­beits­grund­la­ge für die Aus­ar­bei­tung von Ge­mäl­den im Ate­lier. Wäh­rend den mo­der­nen Be­trach­ter heute be­son­ders der Ein­druck des spon­ta­nen, schnel­len Mal­vor­gangs an­spricht, hatte dies für die Künst­ler selbst eher prak­ti­sche Be­deu­tung. Die reine Na­tur­er­fas­sung hatte zu Zei­ten Schir­mers noch nicht den Stel­len­wert eines aus­ge­führ­ten Kunst­wer­kes. Als sich die Wert­schät­zung der Na­tur­stu­die in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­dert än­der­te und die Frei­licht­ma­le­rei spä­tes­tens mit dem Im­pres­sio­nis­mus zum Maß aller Dinge wurde, hat man zum Ver­kauf nicht sel­ten äl­te­re Stu­di­en nach­träg­lich vollen­det oder auf­ge­zo­gen, um sie auf diese Weise markt­gän­gig auf­zu­wer­ten. Zum Glück wurde die Stu­die schon vor dem An­kauf durch den För­der­ver­ein re­stau­riert. Unter ver­gilb­tem Fir­nis kam die ur­sprüng­li­che Farb­wir­kung zu Tage. Dabei wurde klar, dass auch im Fall der Ole­va­no-Stu­die nicht nur Schir­mer den Pin­sel an­leg­te. Ein im Dunst lie­gen­der Hö­hen­zug im Hin­ter­grund war unter den Über­ma­lun­gen frem­der Hand am Him­mel ver­schwun­den, um Pro­ble­me beim Auf­kle­ben des Pa­piers zu ka­schie­ren. Un­ver­hofft stell­te sich be­züg­lich der die Stu­die be­le­ben­den Men­schen und Tiere eine wei­te­re Be­son­der­heit her­aus. Für ge­wöhn­lich waren sie In­halt se­pa­ra­ter Stu­di­en. Hier ver­band Schir­mer je­doch bei­des und griff noch ein zwei­tes Mal selbst zum Pin­sel. Nicht von vor­ne­he­rein gab es einen schwer­be­pack­ten Esel auf der Stra­ße im Vor­der­grund und die Per­so­nen­grup­pe war – durch ein Rönt­gen­bild er­kenn­bar – zu­nächst an­ders an­ge­legt. Das be­wuss­te ge­stal­te­ri­sche Ein­grei­fen ist ein Indiz, dass Schir­mer die Stu­die schon ge­dank­lich im Hin­blick auf ein Ge­mäl­de ver­än­der­te, denn Staf­fa­ge­fi­gu­ren kom­men sonst in sei­nen Land­schafts­stu­di­en nicht vor. Das Ge­mäl­de ist daher eine Be­son­der­heit. Der Bild­fin­dungs­pro­zess und die Fra­ge­stel­lung der Lo­ka­li­sie­rung bil­den zu­sam­men mit mal­tech­ni­schen Un­ter­su­chun­gen den spe­zi­fi­schen For­schungs- und Ver­mitt­lungs­an­satz des Mu­se­ums Zi­ta­del­le. Die Jü­li­cher Samm­lung wird durch die Stu­die sehr sinn­voll und präg­nant be­rei­chert. Be­son­de­ren Dank gilt dem Mi­nis­te­ri­um für Fa­mi­lie, Kin­der, Ju­gend, Kul­tur und Sport des Lan­des, das durch einen 50%-Zu­schuss den An­kauf durch den För­der­ver­ein des Mu­se­ums Zi­ta­del­le Jü­lich er­mög­lich­te.

 

Ste­pha­nie Rupp & Mar­cell Perse