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Die fitte Form­spra­che von Linie, Flä­che, Kreis und Kör­per

 

Die kür­zes­te Ver­bin­dung zwi­schen zwei Punk­ten ist eine Gera­de. Die vollen­de­te Form ist der Kreis oder, räum­lich ge­se­hen, die Kugel. Die Ku­gel­flä­che ist die bei der Dre­hung einer Kreis­li­nie um einen Kreis­durch­mes­ser ent­ste­hen­de Flä­che. Wenn sich diese runde Flä­che je­doch an einer Stel­le des Kör­pers be­fin­det, an der ei­gent­lich eine Gera­de sein soll­te, dann ist die Form nicht so vollen­det und die Per­son ver­mut­lich auch etwas außer Form. So ist es zu­min­dest in mei­nem Fall.

 

Ent­stan­den ist die Kugel fast syn­chron zum Ku­gel­bauch mei­ner schwan­ge­ren Frau. Blöd nur, dass sie durch die Schwan­ger­schaft einen guten Grund hatte rund zu wer­den und ich ir­gend­wie nicht so rich­tig. Die Runde und wei­che Form ihres „Krei­ses“ stand für Weib­lich­keit, Ge­bor­gen­heit und war der Vor­bo­te für ein freu­di­ges Er­eig­nis, das allen ein Lä­cheln ins Ge­sicht zau­ber­te. Be­son­ders der Ver­wandt­schaft, die diese Kugel auch gerne be­rüh­ren woll­te.

 

Der An­blick mei­nes Bau­ches schi­en hin­ge­gen nie­man­den zu ent­zück­ten und be­rüh­ren woll­te ihn auch kei­ner. Dies scheint wohl nur beim ku­gel­run­den Bauch des la­chen­den Bud­dhas zu funk­tio­nie­ren. Hier soll das Strei­cheln, nach chi­ne­si­schem Brauch, Glück, Wohl­stand und Zufrie­den­heit brin­gen.

 

Mein Bauch strahl­te nur den Wohl­stand aus, zu­frie­den war ich mit ihm, dem Bauch, aber nicht. Böse Zun­gen be­haup­te­ten, es sei ein Bier­bauch, der da wach­sen würde. Bier ent­hält viele Ka­lo­ri­en – das stimmt.  Aber auch hier gibt es Un­ter­schie­de: ein Wei­zen macht bei­spiels­wei­se ten­den­zi­ell we­ni­ger dick als ein Pils. Dumm nur, dass ich eher zum Pils grei­fen würde. Fakt ist je­doch, dass ein hal­ber Liter Bier auf etwa 230 bis 250 Ka­lo­ri­en kommt. Das sind im Ver­gleich mehr Ka­lo­ri­en als bei einem 200 Gramm Schwei­ne­schnit­zel. Fatal daran ist nur, dass das Bier im Ge­gen­satz zum Schnit­zel nicht satt macht. Ganz im Ge­gen­teil. Der Al­ko­hol wirkt ap­pe­tit­an­re­gend. So führt dann eins zum an­de­ren und das Bier zum Schnit­zel.

 

Dass das Bier­bauch-Phä­no­men vor allem bei Män­nern auf­tritt, liegt üb­ri­gens an der Tat­sa­che, dass Män­ner ge­ne­tisch so ver­an­lagt sind, zu­sätz­li­ches Ge­wicht im Bauch­be­reich zu spei­chern, wäh­rend das „weib­li­che Fett“ sich eher am Gesäß und den Ober­schen­keln an­sie­delt. Da ich je­doch zu sel­ten und wenn, dann wenig Bier trin­ke, konn­te es sich hier nicht um einen Bier­bauch han­deln. Die Dia­gno­se: Ich bin mit­schwan­ger.

 

Ja, auch Män­ner kön­nen schwan­ger wer­den. Es hat zwar noch kein Mann, außer Ar­nold Schwar­ze­neg­ger im Film „Ju­ni­or“ von 1994, ein Kind zur Welt ge­bracht, doch tat­säch­lich kön­nen  Män­ner von schwan­ge­ren Frau­en psy­chi­sche und auch phy­si­sche Re­ak­tio­nen auf die Schwan­ger­schaft zei­gen. Die Män­ner füh­len quasi mit und er­le­ben einen Sym­pa­thie­schmerz.

 

Wer dazu Nä­he­res wis­sen möch­te, soll­te ein­mal den Be­griff „Cou­va­de-Syn­drom“ (cou­ver, franz. „aus­brü­ten“, Män­ner­kind­bett) goo­glen. Die­ser fasst die Schwan­ger­schafts­sym­pto­me von der Ge­wichts­zu­nah­me über Stim­mungs­schwan­kun­gen bis zur Übel­keit beim Mann zu­sam­men. Bei mir be­schränk­te sich die Sym­pa­thie zum Glück nur auf die Ge­wichts­zu­nah­me. Im Spe­zi­el­len im Bauch­be­reich. Das Phä­no­men des Schwan­ger­schafts­bau­ches bei Män­nern lässt sich meist schon im Freun­des- und Be­kann­ten­kreis be­ob­ach­ten. Es fängt mit bzw. nach dem Ring­tausch bei der Hoch­zeit an. Der Kör­per scheint den Ring zu spü­ren und die­ser run­den Form nach­ei­fern zu wol­len. Das Fes­tes­sen mit der Hoch­zeits­tor­te gibt eine gutes Fun­da­ment und den Spa­ten­stich für den Kup­pel­bau. Wer nach Jah­ren noch immer in sei­nen Hoch­zeits­an­zug passt, kann sich wirk­lich glück­lich schät­zen.

 

Wie schon er­wähnt, ent­wi­ckeln ei­ni­ge Frau­en durch die Ver­än­de­rung des Stoff­wech­sels ko­mi­sche Ess­ge­lüs­te und per­ma­nen­ten Heiß­hun­ger auf die ver­schie­dens­ten Sa­chen. Die sau­ren Gur­ken sind hier der Klas­si­ker. Spe­zi­ell in mei­nem/un­se­rem Fall ent­wi­ckel­te sich die Lust auf Back­wa­ren. Ge­nau­er ge­sagt auf Ku­chen. Die Lust mei­ner Frau fo­kus­sier­te sich je­doch nicht auf den Ver­zehr. Viel­mehr ver­spür­te sie die Lust am Ba­cken.

 

Und so gin­gen fast neuen Mo­na­te Ku­chen­duft nicht spur­los an mir vor­bei. Denn wenn zu Spit­zen­zei­ten zwei­mal die Woche ge­ba­cken wird, der Haus­halt zudem nur aus zwei Per­so­nen be­steht, wovon eine ein Stück des Ku­chen isst und meine Per­son dazu er­zo­gen wurde, immer schön den Tel­ler leer zu essen, ist das eine ein­fa­che Rech­nung. Ku­chen mal Pi zum Qua­drat er­gibt einen run­den Bauch.

Dazu kommt noch die Tat­sa­che, dass sich bei den meis­ten Män­nern im Alter von etwa 35 Jah­ren der Stoff­wech­sel ver­lang­samt. Was be­deu­tet, dass sie eher zu­neh­men.

 

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Diese Gren­ze hatte ich ge­ra­de über­schrit­ten und konn­te so die Bauch-Vo­lu­men-For­mel noch ge­fühlt um den Fak­tor Zwei er­gän­zen. Ei­gent­lich müss­te mich das nicht stö­ren. Als Kind war ich schon ein or­dent­li­cher Won­ne­prop­pen und hätte mit mei­nen blon­den Lo­cken als Vor­la­ge für die klei­nen di­cken Engel der De­cken­ma­le­rei in der Six­ti­ni­schen Ka­pel­le die­nen kön­nen. Doch ir­gend­wann war der Ba­by­speck weg. Jetzt ver­su­che ich der Kugel etwas Po­si­ti­ves ab­zu­ge­win­nen. Im­mer­hin gibt es in der Ge­schich­te nicht nur große, son­dern auch große und brei­te Per­sön­lich­kei­ten. Spe­zi­ell die Jü­li­cher hat­ten ein­mal Er­fah­rung mit einem vo­lu­mi­nösen Herr­scher.

 

Ot­thein­rich von Pfalz-Neu­burg war schon in der Apri­l­aus­ga­be des HERZOGs Thema und „ein Re­naissance­fürst wie er im Buche steht, eine der zen­tra­len Ge­stal­ten des Re­for­ma­ti­ons­jahr­hun­derts, die es sich im 500. Jahr der Wie­der­kehr des The­sen­an­schlags von Mar­tin Luther lohnt, ge­nau­er in den Blick zu neh­men. Wegen sei­ner be­acht­li­chen Lei­bes­fül­le konn­te er zu­letzt kaum mehr sel­ber gehen. Schon kurze Stre­cken raub­ten ihm den Atem. So ließ er sich denn gerne in einer Sänf­te tra­gen.

 

So­weit war es bei mir zum Glück noch nicht. Aber auch die Op­ti­on einer Sänf­te kam für mich genau so wenig in Frage, wie eine Li­mou­si­ne im Hel­muth Kohl Stil, auf deren Kühler­grill ein Stern im Kreis trohnt. Das wäre etwas zu dick auf­ge­tra­gen. Au­ßer­dem woll­te ich bei Atem blei­ben, denn der Som­mer stand vor der Tür und das be­deu­te­te Sonne, Strand, Meer und Wel­len­rei­ten. Der Kreis, der weder einen ein­deu­ti­gen An­fang noch ein Ende dar­stellt, wird oft mit der Unend­lich­keit in Ver­bin­dung ge­bracht. Eine Unend­lich­keit, die auf mei­nen Ku­gel­bauch nicht zu­tref­fen soll­te. Die Kugel muss­te weg! Es ist kein Platz für zwei Ku­geln unter der Sonne. Nor­ma­ler­wei­se star­tet das Jahr mit guten Vor­sät­zen und immer wie­der­keh­ren­den Diät­aus­ga­ben zum Jah­res­be­ginn. Jetzt muss­te ich ein Som­mer-Spe­zi­al-Diät-Sport-Pro­gramm ein­schie­ben. So schlug ich, wie Mar­tin Luther, meine Re-Form-The­sen: „Zu­rück zur Form“ an die Tür des Fit­ness­kel­lers.

 

Naja, ei­gent­lich kleb­te ich sie dran. 10 Punk­te, die mich fit zum Sur­fen ma­chen soll­ten. Wenn man gut und viel Sur­fen möch­te, ist eine ge­wis­se kör­per­li­che Fit­ness von großer Be­deu­tung und wenn mir das Trai­ning auch noch hel­fen würde, mei­nen Bauch los zu wer­den, wäre das um so bes­ser. Das Pro­gramm be­stand im We­sent­li­chen aus ein­fa­chen Übun­gen, die man an jedem Ort ma­chen kann. Klas­si­sche Lie­ge­stütz bzw. Lie­ge­stütz­sprung, Un­ter­arm­stütz, Knie­beu­gen und Klimm­zü­ge.

 

Das soll­te er­gänzt wer­den durch Fahr­rad-, Kon­di­ti­ons- und Bein­trai­ning unter der Woche und einem Schwimm­pro­gramm im Hal­len- oder Frei­bad am Wo­che­n­en­de.

 

Die Zeh­ner­kar­ten waren schnell ge­kauft, spar­ten Geld und der Ho­me­trai­ner für Schlecht­wet­ter­ta­ge war auch schnell wie­der her­ge­rich­tet. Für die Ver­bes­se­rung von Balan­ce, Kon­zen­tra­ti­on und Koor­di­na­ti­on wurde noch schnell eine Slack­li­ne zwi­schen zwei Bäume im Gar­ten ge­spannt. Sla­cken äh­nelt dem Seil­tan­zen, bei dem man auf einem Gurt­band, ähn­lich einem Spann­gurt, ba­lan­ciert. Im Ge­gen­satz zum Seil­tanz ist das Seil je­doch nicht straff ge­spannt. Eine Slack­li­ne dehnt sich unter dem Ge­wicht des Slack­li­ners und ver­hält sich sehr dy­na­misch, so­dass ein stän­di­ges ak­ti­ves Aus­glei­chen der Ei­gen­be­we­gung ge­for­dert ist. Ein gutes Zu­satz­trai­ning, das an­stren­gen­der ist, als es aus­sieht.

 

Lei­der hatte mein Plan, wie die Slack­li­ne, einen Ein­bruch. Die Mo­ti­va­ti­on al­lei­ne nützt lei­der nichts. Auch der Back­ofen blieb bis zum Ur­laub nicht kalt. Und so mach­ten sich zwei Runde, nicht ganz so fitte Ku­geln auf den Weg zum Meer. Der Neo­pren­an­zug pass­te noch. Zum Glück! Doch er be­ton­te auch stark die Form­spra­che mei­nes Kör­pers. Ei­gent­lich pass­te er ganz gut zu den run­den Wel­len. Diese stei­gen auch auf und die Run­dun­gen wer­den immer grö­ßer, je näher sie zum Strand kom­men. Bis sie dann bre­chen. Und genau das hätte ich auch am liebs­ten ge­macht. Denn meine Form war für mich sport­lich ein De­sas­ter.

 

An die­ser Stel­le hätte ich gerne ein Bauch-Happy-End ein­ge­lei­tet. Aber das gab es lei­der nicht. Zu­min­dest noch nicht. Wer Re­for­men durch­set­zen will, braucht mehr als nur einen Plan, „den er ir­gend­wo ran na­gelt“. So gut der Plan auch ist, Mann muss dran blei­ben, Rück­schlä­ge ein­ste­cken kön­nen und darf sich nicht un­ter­krie­gen las­sen. Aus­dau­er ist ge­fragt. Aus­re­den zäh­len nicht!

 

Diese Ge­schich­te ist jetzt ein Jahr her. In­zwi­schen sind wir stol­ze El­tern einer süßen Toch­ter und die Kugel mei­ner Frau ist wie­der ver­schwun­den. Meine hin­ge­gen hält sich noch etwas, ist aber vor und nach dem dies­jäh­ri­gen Ur­laub, aus dem wir ge­ra­de frisch zu­rück­ge­kehrt sind, etwas we­ni­ger ge­wor­den. Oder macht nicht nur Schwarz son­dern auch Braun schlank?

 

Wie dem auch sei: Ich blei­be wei­ter dran und er­ar­bei­te evtl. ein HERZOG Diät- und Sport­pro­gramm für die Ja­nu­a­r­aus­ga­be. Dann passt es bes­ser zu den guten Vor­sät­zen und die Zeit zum nächs­ten Som­mer ist noch etwas län­ger. Jetzt muss erst­mal etwas Win­ter­speck drauf. Der Herbst ist schließ­lich schon da. Herbst­an­fang: Frei­tag, 22. Sep­tem­ber!!

 

  Metti Mett­hau­sen