Evelution_Narr

eine Reise durchs Bü­cher­re­gal

 

An Je­cken, Nar­ren und Toren be­steht zur Zeit kein Man­gel. Die Je­cken und Nar­ren kennt man aus dem Kar­ne­val, die nicht or­gan­sier­ten
kar­ne­val fei­ern­den Men­schen. Sie ma­chen es nur an Kar­ne­val. Aber es gibt auch Nar­ren, die auch au­ßer­halb der 5. Jah­res­zeit aktiv sind. Es gibt den Clown, der an­de­re zum La­chen bringt; den Spaß­ma­cher, der nur un­ter­hal­ten will; die Vie­len, die sich zu Nar­ren ma­chen las­sen. Es gibt den Nar­ren, den man für tö­richt hält, weil er die Narr­heit sei­ner Um­welt de­mas­kiert und den Men­schen einen Spie­gel prä­sen­tiert. Es gibt den Be­klopp­ten, den man als Nar­ren be­schimpft, weil er Ge­dan­ken denkt, zu denen seine Zeit­ge­nos­sen viel­leicht nicht fähig sind. Zeit für eine när­risch-li­te­ra­ri­sche Zeit­rei­se.

Die ers­ten Nar­ren fin­det man in der Bibel: Psalm 52:  „Der Narr sprach in sei­nem Her­zen: Es gibt kei­nen Gott.“ Der Narr galt als „Got­tes­leug­ner“, er stand dem Teu­fel nahe, dem Ur­sprung aller Narr­heit. Der Narr ver­kör­per­te das sitt­lich Böse wie das lo­gisch Un­sin­ni­ge und ist der Wi­der­sa­cher des Wei­sen.

Der Narr war also kei­nes­wegs eine Figur, die nur Späße mach­te, son­dern eine ne­ga­ti­ve Ge­stalt.

Eras­mus von Rot­ter­dam (1466-1536) stellt diese Sicht­wei­se in sei­nem „Lob der Tor­heit“ auf den Kopf. „Ihr wer­det kei­nen Toren sich un­sin­ni­ger ver­hal­ten sehen, als den, der ganz von der Glut christ­li­cher Fröm­mig­keit er­grif­fen ist. Sein Ver­mö­gen schenkt er frei­gie­big weg … Diese Art von Tor­heit steht über jeder ein­ge­bil­de­ten Weis­heit.“

Aus dem töl­pel­haf­ten, tö­rich­ten Nar­ren wird mehr und mehr ein Narr, der – im Un­ter­schied zu den „Klu­gen“ – zu Ein­sich­ten fähig ist.

Ein Narr wie Don Qui­jo­te, der aus­rei­tet, um
„sei­ne Welt zu fin­den“, seine Dul­zi­nea zu fin­den und Wind­müh­len für Rie­sen hält. Na­tür­lich kann man sagen, Don Qui­xo­te sei etwas wirr im Kopf. Na­tür­lich könn­te man ihn ein­sper­ren und mit Me­di­ka­men­ten be­han­deln. Aber warum soll­te man nicht auch be­haup­ten kön­nen, die­ser Narr be­ge­be sich auf die Suche nach einer bes­se­ren Welt, die vor­erst nur in sei­nem Kopf exis­tiert?

Die Mensch­heit kam seit der An­ti­ke nie ohne Sa­ti­re aus, denn es gab zu allen Zei­ten an der Zeit und an den Zeit­ge­nos­sen etwas aus­zu­set­zen. Lu­ki­an von Sa­mo­sa­ta, der „Sa­ti­ri­ker der An­ti­ke“, spot­te­te über den re­li­gi­ösen Wahn, die Ei­tel­keit der Phi­lo­so­phen, Li­te­ra­ten und Rhe­to­ren und über die Leicht­gläu­big­keit des Vol­kes. Se­bas­ti­an Brant (1497-1521) fährt in sei­nem „Nar­ren­schiff“ mit 109 Nar­ren, unter denen alle Typen von Tor­heit und Las­ter ver­tre­ten sind, gen Nar­ra­go­ni­en. Da möch­te ich auch hin oder sind wir längst da?

Sha­ke­s­pea­re kre­i­ert einen neuen Typ von Narr. Er ist hin­ter­grün­dig, wit­zig und allen über­le­gen. Er er­scheint mal „als vor­neh­mer Herr, zu­wei­len als Rechts­ge­lehr­ter, zu­wei­len als ein Phi­lo­soph, zu­wei­len gleicht er auch einem Rit­ter; und kurz und gut, in allen Ge­stal­ten, worin die Men­schen von acht­zig bis zu drei­zehn Jah­ren um­her­wan­deln.“

Bis zur Auf­klä­rung ver­ur­teil­te die Ge­sell­schaft den Nar­ren, dann be­gan­nen die Nar­ren die Ge­sell­schaft zu ver­ur­tei­len. Aber die Be­stim­mung des Nar­ren wurde schwie­ri­ger. Der Skep­ti­ker, Bloß­stel­ler oder Läs­te­rer darf, weil er die so ge­nann­ten Ord­nun­gen durch­ein­an­der bringt und die ge­for­der­te Loya­li­tät be­droht, sich nicht als der Wis­sen­de oder Klü­ge­re über die Ge­sell­schaft er­he­ben. Er kann nur als Narr über­le­ben.

In den mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten kom­men die Nar­ren nicht mehr nur ver­ein­zelt vor, als Au­ßen­sei­ter, die sich von den „nor­ma­len“ Bür­gern un­ter­schei­den. Es hat den An­schein, dass es nur noch Anor­ma­le gibt, ja die ganze Ge­sell­schaft när­risch ist.

Hein­rich Heine, der Spöt­ter und Sa­ti­ri­ker alles Engen und Na­tio­na­len er­klärt das deut­sche Volk zu einem „großen Nar­ren“.

Aus die­sem Grund ist die Nar­ren­ge­stalt in eine neue, ab­sur­de Si­tua­ti­on ge­ra­ten: Sie muss sich nicht mehr nur gegen die Ver­nünf­ti­gen be­haup­ten, son­dern gegen ein Heer von Nar­ren. Hein­rich Bölls när­ri­sche Ro­man­fi­gur, der Clown, for­dert mit sei­nem An­ders­s­ein, sei­ner her­aus­for­dern­den Un­an­ge­passt­heit und sei­nem Rüh­ren an der Ver­gan­gen­heit seine Um­welt her­aus und stört damit das selbst­zu­frie­de­ne Er­folgs­bild der Nach­kriegs­ge­sell­schaft. Ra­di­ka­ler ist Dür­ren­matt, in sei­nen Stücken tre­ten immer wie­der Nar­ren auf, auch wenn sie nicht so hei­ßen. Sie ver­kör­pern als Ein­zi­ge das Gute in einer ka­ta­stro­phal bösen Welt.

In die­ser Welt wird man, wenn man sich nicht ver­hält, wie man sich ver­hält, nicht denkt, wie man eben denkt, schnell als rück­stän­dig und un­ver­nünf­tig ab­ge­stem­pelt. In un­se­rer In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft neh­men sich mehr und mehr die Me­di­en das Recht, über das, was Narr­heit ist, als obers­te In­stanz zu rich­ten und den Rest er­le­digt dann die Psych­ia­trie.

Die mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten mit ihrem Über­fluss an In­tel­lek­tu­el­len und Ge­bil­de­ten schei­nen der Über­zeu­gung zu sein, sie seien mit ihrem Heer von Staats­se­kre­tä­ren, Wirt­schafts­wei­sen, Sach­ver­stän­di­gen, Bil­dungs­ex­per­ten und di­plo­mier­ten Rat­ge­bern gegen Tor­hei­ten aus­rei­chend ge­feit. Sie soll­ten den Nar­ren nicht als über­holt an­se­hen und ihm ge­stat­ten, dass er dem durch Kon­sum be­täub­ten Wohl­stands­bür­ger den Spie­gel vor­hält, das Un­sin­ni­ge und Lä­cher­li­che bloß­stellt und an den eta­blier­ten Sys­te­men und an der ge­steu­er­ten Nor­ma­li­tät rüt­telt. Und das Rüt­teln am or­ga­ni­sier­ten Kar­ne­val wäre doch mal ein ge­lun­ge­ner Auf­takt.

In einer ver­rück­ten Welt ist es der Narr, der die Wahr­heit sagt. Sie manch­mal förm­lich her­aus­schreit. Und zwar denen in die Ohren, die sie am we­nigs­ten hören wol­len. Das ist der tiefe Sinn des Nar­ren, und die meis­ten Auf­trit­te im Kar­ne­val, die man so er­lebt, sind nur ein bil­li­ger Ab­klatsch. Die Wahr­heit des Nar­ren ist un­an­ge­nehm…

 

CK