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…ist nicht zu kurz ge­dacht

 

Kurz und gut. Das ist ein Satz, den ich super finde. Das erste Ge­schenk, das ich von mei­nem da­ma­li­gen Freund bekam, war eine Tritt­lei­ter. Das ist kein kur­z­er Witz, das ist die Wahr­heit. Wer eine lich­te Höhe von 153,5 Zen­ti­me­tern misst, hat manch­mal näm­lich eine kurze Er­hö­hung nötig. Auf lange Sicht dach­te der Freund, und so habe ich nicht nur die Tritt­lei­ter heute noch, son­dern auch den Mann, der sie mir schenk­te. Beide ge­hö­ren seit 28 Jah­ren zu mei­nem Leben. Ein kur­z­er Au­gen­blick mit Lang­zeit­wir­kung.

 

Das ein­zi­ge Pro­blem ist: Weder Mann noch Lei­ter kann (oder will…) man über­all hin mit­neh­men. Etwa beim Ein­kau­fen… „Die sü­ßes­ten Früch­te krie­gen nur die großen Tiere“ – schon die Schla­ger­welt in den 1950ern Jahre wuss­te es genau. Der Arm wird lang und län­ger, die Kek­stü­te rückt in un­er­reich­ba­re Ferne. „Soll ich Sie hoch­he­ben?“ Ein grin­sen­der Kerl kanns nicht las­sen. Ich über­le­ge, ob mir eine ver­ba­le Kurz­schluss­hand­lung hilft, ent­schei­de mich aber da­ge­gen. Mit 153,5 Zen­ti­me­tern Wuchs hat der Ein­kaufs­bum­mel seine emo­tio­na­len Tücken.

 

„Klei­ne Leute haben es viel leich­ter als Große“, seufzt ein Lan­ger im Auf­zug der Ga­le­ria Ju­lia­cum und zieht den Kopf ein, als er durch die Türe geht. Gerüch­te, nichts als Gerüch­te! Die­ser Mann hat noch nie ver­sucht, auf Höhe 153,5 selbst­stän­dig seine Wün­schen zu er­fül­len. Büch­sen­wei­se steht die Fein­schmecker­sup­pe ge­sta­pelt auf dem obers­ten Bord. An die erste Büch­se reicht die Hand noch heran. Jetzt stel­len sich die alles ent­schei­den­den Fra­gen: Bringt man den Büch­sen­turm zum Ein­sturz und greift sich die erste Büch­se, die her­un­ter­fällt? Ist ein „Lan­ger“ in der Nähe, der kurz und schmerz­los as­sis­tiert? Oder wird kur­zer­hand gleich auf die Suppe ver­zich­tet? Schon bei der Wahl der Spi­ri­tuo­sen fiel die Ent­schei­dung statt für Cam­pa­ri – klar, wo der stand? – zu­guns­ten eines Sher­ry aus.

 

Re­ga­le an sich sind ein Grau­sen. Aber auch eine Her­aus­for­de­rung. Für kurz­ge­wach­se­ne Men­schen gibt es eine ge­hei­me Dis­zi­plin: das Regal-Clim­bing. Ähn­lich wie beim Berg­stei­gen, nur eben auf Ein­kaufs­mei­len be­schränkt, und man muss ohne Si­cher­heits­lei­ne und Haken aus­kom­men. Wich­tig ist, dass das un­ters­te Bord leer ist, we­nigs­tens eine Tritt­flä­che bie­tet. Mit einem Fuß auf das Bord, die Hand schnellt nach oben, reckt sich, und wenn sie Halt fin­det, muss man sich blitz­schnell em­por­zie­hen und den ge­wünsch­ten Ge­gen­stand grei­fen. Mit viel Glück ge­lingt die Ak­ti­on ohne grö­ße­ren Scha­den der ei­ge­nen Ge­sund­heit oder der La­den­ein­rich­tung.

 

„Wie man sich rich­tig be­wirbt“, wer­den Men­schen mit ge­rin­ger Kör­per­grö­ße nie er­fah­ren: In den obers­ten Re­ga­len der Buch­ab­tei­lung eines Kauf­hau­ses lacht ihnen das Exem­plar zum Son­der­preis ent­ge­gen. Je­den­falls, wenn kein hel­fen­der Arm em­por­lan­gen kann. „Ent­schul­di­gung, könn­ten Sie wohl mal…?“ Blick und Fin­ger­zeig gehen gen Him­mel, der An­ge­spro­che­ne reicht mit­lei­dig den ge­wünsch­ten Ge­gen­stand her­un­ter. Denn nicht nur bei Bü­chern er­eilt den „Klei­nen“ das Schick­sal:  Glei­ches gilt für Blu Rays, Spie­le, Pull­over und Hem­den.

 

Am Bes­ten ist eben doch, wenn man die Dinge selbst macht, denkt die Cle­ve­re kurz nach und strebt den Zeit­schrif­ten-Re­ga­len zu. Die Aus­wahl an Hef­ten für Bas­tel- und Heim­wer­ker­freun­de ist groß, al­ler­dings lie­gen auch sie in für un­ser­eins schwin­del­er­re­gen­den Höhen.

 

Jetzt reißt der Kur­zen der oh­ne­hin nicht lange Ge­dulds­fa­den. Wutschnau­bend ver­lässt sie das La­den­lo­kal, wen­det sich dem Fach­ge­schäft zu: „Ich suche ein Buch von Man­kell, die Zeit­schrift „selbst ge­macht“ und den Ka­len­der, der da ganz oben hängt.“ Ein Dan­kes­lä­cheln gilt der freund­li­chen Ver­käu­fe­rin. So­weit zum All­tag, in dem man sich mit ei­ni­ger Krea­ti­vi­tät be­hel­fen kann.

 

Freu­de macht der Kur­zent­schlos­se­nen auch die Kurz­rei­se. Doch auch hier sind Pro­ble­me gleich mit­ge­bucht. Ich denke da an die Griff­schlau­fen in Bus­sen und Bah­nen? Weit oben! Da sind Turn­übun­gen ganz un­kom­pli­ziert mög­lich. Al­ter­na­tiv bie­ten sich noch Stan­gen oder Sitze als Sta­bi­li­sa­to­ren  – oder ein freund­li­cher Nach­bar. Mit kur­z­en Bei­nen kön­nen sogar ein­fa­che Be­stuh­lung im Kino oder Kon­zert­saal schon ein Hemm­nis sein… Kurz ge­sagt: Es reicht meist nicht in der Länge. Da bau­meln die Füße schon mal in der Luft, wenn das Ver­hält­nis Ober­schen­kel und Sitz­flä­che nicht an­ge­passt ist. Gut ist al­ler­dings, dass die kurze Größe bei Ver­an­stal­tun­gen fast immer einen Platz in den vor­de­ren Rei­hen ga­ran­tiert. Die Da­hin­ter­ste­hen­den haben immer den Über­blick.

 

Dass die kör­per­li­che Länge nicht immer mit geis­ti­ger Größe Hand in Hand geht, ist eben­so eine Er­fah­rung: Bei Hoch­ge­wach­se­nen sor­gen 153,5 Stock­maß für Kurzweil. „Das gibt es doch gar nicht“, er­dreis­te­te sich in der Tanz­stun­de ein kurz vor den 2-Me­tern-Mann, als er mein Part­ner sein soll­te. Als es noch keine in­te­grier­ten Sit­z­er­hö­hun­gen im Auto gab, half ein Kis­sen. Das war aber nicht in jedem Au­to­typ gleich gut nutz­bar. Manch­mal half da nur der Blick durchs Lenk­rad. Frot­zelt eine Be­kann­te: „Wenn ich im Auto eine Hand win­ken sehe, sehe aber kei­nen hin­term Steu­er, bist das si­cher Du.“ Es gibt ja die tolle Er­fin­dung der di­gi­ta­len Ka­me­ra, bei der man das  Dis­play klap­pen kann, so dass auch ich mit er­ho­be­nen Armen ein Bild mit völ­lig neuer Per­spek­ti­ve ein­fan­gen kann – bis der Kol­le­ge hin­ter mich tritt und fragt: „Soll ich das mal von hier oben für Dich ma­chen? Ich kann auch noch hö­her…“

 

Fasse Dich kurz! Ist auch eine Auf­for­de­rung, die in Zei­ten der di­gi­ta­len un­be­grenz­ten Zei­chen­mög­lich­kei­ten nur noch sel­ten zum Tra­gen kommt. Wie sagte mein mich an­ler­nen­der Lo­kal­chef am Nie­der­rhein: „Schrei­ben Sie mal 80 Zei­len, ich mach dann 30 draus…“ Kür­zun­gen sind eben manch­mal auch schmerz­haft. Apro­pos: Der Blick fällt auf die Uhr. Schon wie­der fünf vor 12 und die Nacht wird wie­der viel zu kurz. Der Re­dak­ti­ons­schluss naht un­auf­halt­sam. Die Zeit rast, und jetzt, wo die Tage kür­zer wer­den, schei­nen die Stun­den noch schnel­ler zu ver­ge­hen. Immer auf den letz­ten Drücker… Aber bei aller Eile ist ein Mit­tel gegen Kurz­le­big­keit wich­tig: Luft holen, sich freu­en und ein­fach kurz mal in­ne­hal­ten. Denn in einem schla­ge ich allen Un­kern, Spaß­vö­geln und wohl­mei­nen­den Zeit­ge­nos­sen ein Schnipp­chen: Ich bin gar nicht kurz­sich­tig, ich bin weit­sich­tig.

 

Paulo Coehlo: „Das Leben kann, je nach­dem wie wir es leben, kurz oder lang sein.“

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