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20 Jahre Kuba, die „Chefs“ er­in­nern sich…

 

Der Jü­li­cher Kul­tur­bahn­hof wird 20 Jahre alt: zwei Jahr­zehn­te, zwei Köpfe, etwas mehr als zwei Fra­gen…

Ok­to­ber 1996, in Jü­lich geht ein Pro­jekt an den Start. Aus dem ehe­ma­li­gen Bahn­hofs­ge­bäu­de wird eine Kul­tur­stät­te. Chri­stoph Kle­mens und Cor­nel Cre­mer haben seit­dem als Ge­schäfts­füh­rer die Wei­chen ge­stellt.

Her­zog: Was fällt Euch als al­ler­ers­tes ein, wenn Ihr an diese Zeit denkt?

Beide: Oh, Gott…

Chri­stoph: Meine erste Be­geg­nung mit dem Kul­tur­bahn­hof war ein sehr un­kon­ven­tio­nel­les Be­wer­bungs­ge­spräch. Ich hatte meine Kul­tur­ma­na­ge­men­t­aus­bil­dung ge­ra­de ab­ge­schlos­sen und wurde als „Klas­sen­bes­ter“ von der Aus­bil­dungs­lei­tung nach Jü­lich ver­mit­telt und soll­te mich dort an einem Don­ners­tag­abend in der Wil­helm­stra­ße in der Pri­vat­woh­nung eines Vor­stands­mit­glieds des Ver­eins vor­stel­len. Ich kam also pünkt­lich um 18 Uhr und auch ein wenig ner­vös dort an und klin­gel­te. Schon beim Be­tre­ten der Woh­nung er­in­ner­te mich alles an meine ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit in di­ver­sen WG’s und ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Ini­tia­ti­ven wäh­rend mei­ner Stu­den­ten­zeit in den 80ern. Nun, wir schrie­ben mitt­ler­wei­le die 2. Hälf­te der 90er und vor mir saßen ein Alt-Ro­cker, ein in die Jahre ge­kom­me­ner Punk, zwei Grou­pies und ein wei­ßer Ra­sta­fa­ri, der mir ein Bier anbot. Vi­el­leicht war ja in Jü­lich die Zeit ste­hen ge­blie­ben als Folge der ato­ma­ren For­schung usw., sol­che Ge­dan­ken schos­sen durch mein mit Ad­rena­lin auf­ge­putsch­tes Ge­hirn. Doch Spaß bei­sei­te, das Pro­jekt Kul­tur­bahn­hof hatte sei­nen Ch­ar­me und sei­nen Reiz. Bei der an­schlie­ßen­den Be­sich­ti­gung der Bau­stel­le mit dem Vor­stand wurde schnell klar, dass wir eine ge­mein­sa­me Basis hat­ten, auf der man si­cher gut zu­sam­men­ar­bei­ten und auch ei­ni­ges auf­bau­en kön­nen würde.

Cor­nel: Meine erste Be­geg­nung mit dem KuBa war etwa ein hal­b­es Jahr spä­ter. Ich kann mich sehr gut er­in­nern, denn es gibt Sätze, die man nie ver­gisst. Im März 1997 sagte meine Mut­ter einen sol­chen Satz. Ob sie ihn manch­mal be­reut hat, müss­te ich sie mal fra­gen. Sie sagte: „Geh da mal hin! Die ma­chen da was für junge Leute.“ Sie hatte in der Zei­tung ge­le­sen, dass im Bahn­hof die Knei­pe im Ju­gend­kul­tu­rel­len Zen­trum er­öff­net wird als neuer Treff­punkt für Ju­gend­li­che und junge Er­wach­se­ne. Zwei Mo­na­te spä­ter war ich Kell­ner und damit be­gann meine KuBa-Story vom Kell­ner zum Chef. Ich habe mit 17 mit dem Kell­nern be­gon­nen und hier und da auch mal einen Tel­ler ge­wa­schen, da­nach un­auf­halt­sam alle eh­ren­amt­li­chen Po­si­tio­nen durch­lau­fen, die Knei­pen­lei­tung ei­ni­ge Mo­na­te inne ge­habt, die Kon­zert­grup­pe ge­grün­det und über fünf Jahre das Boo­king, die Or­ga­ni­sa­ti­on und Durch­füh­rung der Kon­zer­te über­nom­men. Und dann wurde 2008 ein neuer Ge­schäfts­füh­rer ge­sucht.

Her­zog: Ist der KuBa DAS ge­wor­den, wofür seine Müt­ter und Väter einst an­ge­tre­ten sind? Wo­durch un­ter­schei­den sich die Idea­le der Grün­der von Euren?

Beide: Nein!

Chri­stoph: Die idea­lis­ti­schen Ideen und Vor­stel­lun­gen der Grün­der in Ehren, aber sie hiel­ten dem Zeit­geist und der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung nicht stand.

Cor­nel: Das Haus hat sich wei­ter ent­wi­ckelt so wie sich die Be­su­cher wei­ter ent­wi­ckelt haben und deren An­sprü­che sich ver­än­der­ten. Auf diese Weise ist aus dem eins­ti­gen „Punkrock­schup­pen“ ein Kul­tur­zen­trum für alle Ge­ne­ra­tio­nen ge­wor­den.

Her­zog: Wie sah Euer Leben ei­gent­lich aus, BEVOR es sich um den KuBa dreh­te?

Chri­stoph: Bunt. Nach mei­nem Stu­di­um der Di­plom-Päd­ago­gik, dem Auf­bau einer Agen­tur für in­ter­kul­tu­rel­le Päd­ago­gik, die sich auf Leh­rer­fort­bil­dun­gen spe­zia­li­sier­te, einem Auf­bau­stu­di­um Thea­ter­päd­ago­gik, zwei En­ga­ge­ments beim Kin­der- und Ju­gend­thea­ter Avan­ti und di­ver­sen Auf­trit­ten als  Stra­ßen­künst­ler be­schloss ich von der Bühne hin­ter die Bühne zu wech­seln. Zum Ab­schluss mei­ner so­ge­nann­ten Lehr- und Wan­der­jah­re setz­te ich eine Aus­bil­dung zum Kul­tur­ma­na­ger drauf, wel­che mich di­rekt in den Kul­tur­bahn­hof ka­ta­pul­tier­te.

Cor­nel: In der Zeit davor war ich noch Schü­ler. Nach der Schu­le, quasi be­glei­tend zu mei­nen eh­ren­amt­li­chen Tä­tig­kei­ten im Ve­rein, habe ich eine Aus­bil­dung zum Kauf­mann für audio-vi­su­el­le Me­di­en er­folg­reich ab­ge­schlos­sen und war im An­schluss lange Zeit bei einer Köl­ner Fern­seh­pro­duk­ti­ons­fir­ma tätig. Noch span­nen­der in all der Zeit war das Pri­vat­le­ben, in dem sich alles um un­se­re Band „Socks“ und den Bahn­hof dreh­te. Klar, unser Pro­beraum war in der alten Ke­gel­bahn unter der Knei­pe und von dort aus ging es re­gel­mä­ßig zu Kon­zer­ten und klei­nen Tour­ne­en quer durch „Punk­rock-Deutsch­land“ und na­tür­lich auch re­gel­mä­ßig auf die KuBa-Bühne – das Haupt­quar­tier der Rock­ci­ty.

Her­zog: Gibt es Tage oder Er­eig­nis­se im Leben eines KuBa-Ge­schäfts­füh­rers, die sich in Euer Ge­dächt­nis ein­ge­brannt haben?

Cor­nel: Wie­viel dür­fen wir auf­zäh­len?

Her­zog: Na dann fangt mal an…

Cor­nel: Die Men­schen­ket­te vom 3. Juli 1997 muss un­be­dingt ge­nannt wer­den. 2500 Men­schen de­mons­trier­ten an dem Tag für den Er­halt des KuBas und bil­de­ten eine Men­schen­ket­te vom Alten Rat­haus bis zum KuBa und über­reich­ten dem Bür­ger­meis­ter Dr. Peter Nie­ve­ler 5000 Un­ter­schrif­ten…

Chri­stoph: Am 14. De­zem­ber 1996 hat für kurze Zeit das Raum­schiff Elf­ter­preis am Kuba an­ge­dockt. Das „Thea­ter Däm­me­rung“ aus Köln spiel­te eine mit­rei­ßen­de und ur­ko­mi­sche Per­si­fla­ge auf die Science Fic­ti­on-Se­ri­en. Das war meine erste Ver­an­stal­tung und sie hatte schon viel von den zu­künf­ti­gen – sie war aus­ge­zeich­net und schlecht be­sucht…

Cor­nel: Ein wei­te­rer Mei­len­stein war das erste ge­neh­mig­te Rock­kon­zert am 28. Ja­nu­ar 2001 mit Man­ti­cor aus der Rock­ci­ty Jü­lich und Cu­cum­ber Men aus Ham­burg. An ihren Hit „Ich kenn den Bru­der, des­sen Freun­din…“ er­in­nern sich viel­leicht noch ei­ni­ge, der schaff­te es auch auf die „Bra­vo Hits 15“.

Chri­stoph: Der erste Ki­no­film. Ob­wohl ich mir ja da einen bes­se­ren ge­wünscht hätte, aber da­mals wur­den die Filme in einem kom­pli­zier­ten Aus­wahl­ver­fah­ren von fünf Ab­spiel­stel­len aus­ge­wählt und des­halb lief „John­ny Eng­lisch“ mit Rowan At­kin­son alias Mr. Bean im Juni 2003 von der Rolle.

Cor­nel: Nach zehn Jah­ren fei­er­ten wir mit großen Bands, mit den Do­nots und Ju­pi­ter Jones – letz­te­re waren da­mals noch ein Ge­heim­tipp und sind mitt­ler­wei­le si­cher Jedem ein Be­griff.

Chri­stoph: Die „Rot­käpp­chen“-Auf­füh­rung von Da­niel Wa­gner – ein un­glaub­li­ches Fi­gur­en­thea­ter­stück. Ich habe nie etwas Ver­gleich­ba­res und Lus­ti­ge­res ge­se­hen – der Ge­heim­tipp für Er­wach­se­ne…

Her­zog: Stopp, das reicht… Wie wird der Bahn­hof in 20 Jah­ren aus­se­hen? Gibt es noch Kino, Kon­zert und Knei­pen­kul­tur?

Cor­nel: Ja, ganz si­cher. Der Bahn­hof wird sich wei­ter­ent­wi­ckeln. Wir wer­den be­ob­ach­ten, wel­che Be­dürf­nis­se die Men­schen haben und uns da­nach aus­rich­ten. Soll­te die junge Mu­sik­sze­ne wie­der stär­ker wer­den und die Ju­gend­li­chen mehr Freu­de an hand­ge­mach­ter Musik fin­den, so fin­den sie im Bahn­hof immer of­fe­ne Türen. Der Bahn­hof sieht sich nach wie vor als so­zio­kul­tu­rel­les Zen­trum, als Haus indem Kul­tur auch selbst ge­macht wird und nicht nur kon­su­miert wird.

Her­zog: Was ist KuBa in einem Wort? Na gut – in drei Wor­ten?

Beide (la­chend): Ganz großes Kino.

 

Das Ge­spräch führ­te Gisa Stein