161110story

Oder hei­ter wei­ter…

 

Milan stand auf. Das wars. Nach einer 20-Stun­den-Schicht und der so­eben er­hal­te­nen Kün­di­gung ver­ließ er das Büro des Kon­zert­ver­an­stal­ters Be­cker. Weih­nach­ten stand vor der Tür und er vor dem Nichts. Die Sonne ging auf und er fuhr mit sei­nem 27 Jahre alten Ford Gra­na­da zum Café Kuba. Zoë hatte heute Früh­schicht und brach­te ihm, den neuen Song von Lisa Bas­sen­ge auf den Lip­pen, einen dop­pel­ten Cappuc­ci­no.

„Und einen Gr­ap­pa“, bat Milan.

„Al­les klar bei dir?“, frag­te Zoë.

„Nein, ich habe ge­ra­de mei­nen Job bei Be­cker ver­lo­ren. Hab mich beim „Mit­ge­hen­las­sen“ er­wi­schen las­sen. Ich Idiot. Die klau­en alle, aber mich er­wi­scht man wie­der. Ist immer das­sel­be“, jam­mer­te er.

„Gr­ap­pa gegen Au­to­schlüs­sel“, for­der­te sie.

Es war be­reits ein Ri­tu­al ge­wor­den. Milan reich­te ihr die Schlüs­sel. Seit er vor drei Mo­na­ten nach einer Tour etwas frü­her nach Hause kam und seine Freun­din Doro mit Mai­kel Wan­nin­ger in fla­gran­ti er­wi­scht hatte, fand er den Weg nach Hause meist nur über den Umweg Café Kuba.

Doro war mitt­ler­wei­le aus­ge­zo­gen, viel­leicht zu Mai­kel. Es in­ter­es­sier­te ihn nicht, nichts in­ter­es­sier­te ihn mehr seit jenem Tag.

Zoë brach­te ihm das zwei­te Ge­deck: „Milan, das ist dein letz­ter Gr­ap­pa. Ich habe keine Lust, dich immer ab­zu­fül­len. Wach mal auf. Hier, deine Au­to­schlüs­sel. Und wenn du wie­der im Leben an­ge­kom­men bist, würde ich mich freu­en, wenn wir mal wie­der einen Song auf­neh­men könn­ten.“

Milan schau­te Zoë ge­nervt an, such­te nach sei­ner Stan­dard­aus­re­de. Doch dann sagte er zu sei­ner ei­ge­nen Ver­wun­de­rung:  „Okay, Zoë, viel­leicht hast du Recht. Ich fahr mal in den Mor­gen und dann sehen wir uns heute Mit­tag…“

Er schau­te Zoë hin­ter­her und spür­te ein Lä­cheln. Er sah aus dem Fens­ter. Der Mor­gen war son­nig, hei­ter.

„Na dann, viel Glück und pass auf dich auf!“

Milan ging zu sei­nem gold­far­be­nen Gra­na­da und fuhr raus aus der Stadt. Hin­ter Kos­lar kam ihm ein Volvo mit hoher Ge­schwin­dig­keit ent­ge­gen. Er er­kann­te ihn so­fort. Es war der Volvo von Doro. Sie fuhr und Mai­kel Wan­nin­ger saß auf dem Bei­fah­rer­sitz. Milan fuhr wei­ter und wech­sel­te die CD. Nach die­ser Be­geg­nung brauch­te er die Me­lan­cho­lie der Wa­ter­boys. Er dreh­te das Fens­ter run­ter und die Boxen voll auf. Im Duett mit Mike Scott sang er „Don`t Bang The Drum“, als er ge­müt­lich in die lang­ge­zo­ge­ne Links­kur­ve hin­ein­fuhr. Wie aus dem Nichts tauch­te plötz­lich die­ser schwar­ze Mer­ce­des vor ihm auf. Auf sei­ner Spur. Im letz­ten Mo­ment riss er das Steu­er nach links. Lie­ber mit dem Gra­na­da in den Gra­ben als fron­tal in den Benz. Er schleu­der­te zwei­mal um die ei­ge­ne Achse, aber er blieb auf der Stra­ße. Krei­de­bleich stieg er aus.

Das war eine Schei­ßi­dee. Wäre er doch in der Knei­pe ge­blie­ben, an­statt hier drau­ßen das neue Leben zu su­chen. Erst be­geg­net er der alten Liebe und da­nach dem Tod. Na dann Prost.

Mit die­sen Ge­dan­ken ging er die Kurve zu­rück, um zu schau­en, ob der Benz we­nigs­tens an­ge­hal­ten hatte. Doch der war nicht zu sehen, weg. Beim Um­dre­hen sah er dann die Schnei­se in den Bü­schen. Er lief hin. Wäh­rend sei­nes Zi­vil­diens­tes als Ret­tungs­sa­ni­tä­ter hatte er sich an Un­fall­or­te ge­wöhnt. Mit ge­üb­tem Blick sah er, dass jede Hilfe zu spät kam. Die bei­den In­sas­sen lagen tot im Wagen. Den Fah­rer er­kann­te er trotz sei­nes blut­ver­schmier­ten Ge­sichts. Es war Ri­chie Wan­nin­ger, der klei­ne Bru­der von Mai­kel. In den Hän­den hielt er eine Clowns­mas­ke. Da stimm­te etwas nicht, dach­te Milan, schau­te auf den Rück­sitz und sah den sil­ber­nen Geld­kof­fer.

Und dann über­leg­te er nicht wei­ter, alles ging ganz schnell. Er pack­te den Geld­kof­fer und rann­te zu­rück zu sei­nem Wagen und fuhr los.

Zwei­mal an einem Tag werde ich be­stimmt nicht beim Klau­en er­wi­scht, dach­te er sich. Zu Hause öff­ne­te er den Kof­fer und zähl­te das Geld. Bei 3,34 Mil­lio­nen schlief er auf dem Sofa ein.

15 Stun­den spä­ter wurde er wach und dach­te an Zoë. Er würde sie spä­ter an­ru­fen, oder rü­ber­ge­hen. Er schnapp­te das iPad und öff­ne­te die Jü­li­cher Zei­tung. Vier als Clowns mas­kier­te Täter hat­ten einen Geldtrans­por­ter in Bar­men über­fal­len. Die Täter flüch­te­ten in zwei Autos, eins war kurze Zeit spä­ter in einen töd­li­chen Un­fall ver­wi­ckelt. Von den er­beu­te­ten 4,5 Mil­lio­nen Euro und den bei­den an­de­ren Tä­tern fehl­te jede Spur.

Dann brau­che ich ja nicht wei­ter zäh­len, dach­te sich Milan und über­leg­te, wo er das Geld ver­ste­cken könn­te. Erst mal im Alt­pa­pier, dach­te er sich. Er nahm die Kiste Alt­pa­pier, leer­te die Zeit­schrif­ten in den Geld­kof­fer und pack­te das Geld in die Kiste. Oben­auf legte er zwei Jü­li­cher Stadt­ma­ga­zi­ne und stell­te die Kiste in Doros altes Zim­mer, das er nur noch als Müll­hal­de nutz­te. Den Geld­kof­fer schloss er wie­der ab und ver­steck­te ihn im Klei­der­schrank.

Jetzt brauch­te er einen guten Cappuc­ci­no und ging hin­über ins Café Kuba.

„Hal­lo Zoë, einen dop­pel­ten!“

Zoë dreh­te sich um und lä­chel­te ihn an, und er setz­te spon­tan ein  „gut siehst du aus“, hin­ter­her.

„Wo warst du ges­tern? Ich habe “ kam es spon­tan zu­rück.

„Sor­ry, ich habe ver­schla­fen. Sag mal, wie lange hast du heute Schicht? Ich woll­te heute Abend nach Köln, zu Max Gie­sin­ger. Hast du Lust mit­zu­kom­men?“

„Ist doch längst aus­ver­kauft?“

„Zoë, ich brauch keine Kar­ten, ich habe fünf Jahre da ge­ar­bei­tet, ich komm da immer rein. Sag mal, du hast das doch si­cher­lich ge­hört, das mit dem Wan­nin­ger.“

„Klar, das Thema heute“, ant­wor­te­te Zoë.

„Glaubst du, die Doro steckt da mit drin?“

„Frag sie doch, da kommt sie.“

„Hal­lo Milan“, sagte Doro und setz­te sich neben ihn.

„Hal­lo“, ent­geg­ne­te er tro­cken.

„Ich habe ein klei­nes Pro­blem und ich dach­te du könn­test mir viel­leicht hel­fen.“

„Hast du eine Bank über­fal­len und weißt nicht wohin?“, scherz­te Milan.

„Lass die dum­men Witze. Komm, lass uns mal ein paar Meter spa­zie­ren gehen, dann er­klär ich dir alles.“

„Ver­giss es“, sagte Milan und dann sah er die Waffe, die Doro ver­steckt auf ihn ge­rich­tet hielt.

„Los, wir gehen jetzt zu­sam­men.“ Doro stand auf.

„Okay, ich komme.“ Er ging zu Zoë unf flüs­ter­te ihr ins Ohr, „Bit­te ruf die Bul­len“ und küss­te sie.

Drau­ßen, ver­steckt im Volvo, war­te­te Mai­kel.

„Wo ist die Kohle?“, frag­te Mai­kel.

„Wel­che Kohle?“, ant­wor­te­te Milan.

„Milan, wir haben dich und dei­nen Gra­na­da ges­tern ge­se­hen. Und als wir heute Mor­gen er­fah­ren haben, dass mein Bru­der einen Un­fall hatte und die Beute ver­schwun­den ist, da haben wir ge­dacht, dass viel­leicht der liebe Milan sie ein­ge­steckt hat.“

„Ri­chie hatte einen Un­fall?“

„Okay, dann gehen wir jetzt mal ganz schnell in deine Woh­nung und schau­en mal nach, ob da nicht ein Kof­fer steht, der dir nicht ge­hört.“

Fünf Mi­nu­ten spä­ter öff­ne­te er seine Woh­nungs­tür. Mai­kel stieß ihn hin­ein. Er dreh­te sich um und sah die Faust zu spät. Als er sich wie­der hoch­rap­pel­te, hörte er Mai­kels La­chen.

„Haha! Habe ich es doch ge­wusst. Sieh mal einer an, was hier im Schrank steht?“

Im glei­chen Mo­ment er­tön­ten näher kom­men­de Mar­tins­hör­ner. Mai­kel und Doro pack­ten den Kof­fer und ver­lie­ßen flucht­ar­tig die Woh­nung.

Fünf Mi­nu­ten spä­ter klin­gel­te es an sei­ner Haus­tür. Milan öff­ne­te vor­sich­tig.

„Herr Wim­mer, ich bin Haupt­kom­missar Knob-loch. Ich habe ein paar Fra­gen. Kann ich rein­kom­men?“ Sie gin­gen in die Küche.

„Vor etwa einer hal­b­en Stun­de hat uns die Kell­ne­rin aus den Café Kuba an­ge­ru­fen und mit­ge­teilt, dass sie die bei­den ge­such­ten Per­so­nen Wan­nin­ger und Sch­mitt ge­se­hen hat, wie sie mit Ihnen in Ihre Woh­nung gin­gen.“

„Stimmt“, ant­wor­te­te Milan kurz an­ge­bun­den. Und er ahnte nichts Gutes. Hätte er die­sen ver­damm­ten Kof­fer doch ste­hen ge­las­sen. Er sah sich schon im Knast, in einer Zelle mit Mai­kel Wan­nin­ger.

„Was woll­ten die bei­den von ihnen?“ frag­te der Kom­missar.

„Doro, also Frau Sch­mitt, hat bis vor we­ni­gen Wo­chen in die­sem Zim­mer dort drü­ben ge­wohnt. Wir waren sechs Jahre zu­sam­men, bis ich sie mit Mai­kel, na ja, sie wis­sen schon. Da­nach ist sie aus­ge­zo­gen.“

In die­sem Mo­ment klin­gel­te das Handy des Kom­missars. Herr Kno­b­loch griff in seine Jacke. Milan schwitz­te, ging zum Kühl­schrank, nahm sich die Tüte Milch und trank sie aus.

„Das war mein Kol­le­ge. Die Flüch­ti­gen hat­ten einen Un­fall, ihre Ex-Freun­din ist leicht ver­letzt. Herr Wan­nin­ger hat schwe­re Ver­bren­nun­gen, er konn­te ge­ra­de noch recht­zei­tig aus dem bren­nen­den Wagen ge­bor­gen wer­den. Der Kof­fer mit der Beute ist wohl ver­brannt. Tja, dann fahre ich jetzt mal. Und sagen Sie ihrer Freun­din herz­li­chen Dank, mit der Be­loh­nung wird es nicht klap­pen, wenn das Geld ver­brannt ist.“

Milan be­glei­te­te den Kom­missar zur Tür, die Ge­dan­ken in sei­nem Kopf über­schlu­gen sich, er hatte es ge­schafft. Kei­ner würde mehr nach der Kohle su­chen, oder?

„Ach Herr Kno­b­loch, da wär noch was. Es könn­te sein, dass das Geld nicht ver­brannt ist. Die Doro war mit dem Wan­nin­ger in ihrem alten Zim­mer und ich habe keine Ah­nung, was die da ge­macht haben, ich war ein wenig aus­ge­knockt.“

Der Kom­missar fand, was er fin­den soll­te, Zoë und Milan ver­brach­ten einen wun­der­vol­len Abend in Köln und teil­ten in die­ser Nacht Bett und Be­loh­nung.

  CK