webIch er­rei­che Jü­lich in der Nacht. Die Fahrt vom Flug­ha­fen bis hier war nicht ohne. Ein leich­ter Rut­scher im Kreis­ver­kehr in Ellen und die gelb blin­ken­de Sta­bi­li­täts­ys­tem­kon­troll­leuch­te mahn­te mich zur Vor­sicht. Ob­wohl die Stra­ße tro­cken er­schi­en, war es glit­schig. Es ist wirk­lich kalt, sehr kalt. Ein fros­ti­ger Ja­nu­ar prägt die letz­ten Tage und Näch­te mit sei­nen in grau und braun ten­die­ren­den Far­ben. Am Him­mel tags­über manch­mal ein Stück blau oder nur blau. Sogar das grün der Rau­reif­wie­sen zwi­schen der Au­to­bahn und hier war im Licht der Schein­wer­fer grau. Durch die glit­zern­de Re­flek­ti­on des nächt­li­chen Rau­reifs schon fast eis­blau. Tat­säch­lich hel­ler als der salz­ge­trock­ne­te As­phalt, der im Licht der LED Schein­wer­fer fast weiß er­scheint. Beglei­tet von der schwar­zen Linie des Stra­ßen­rands auf dem hin und wie­der noch ein Schnee­bro­cken ba­lan­ciert um nicht von der Kante zu fal­len. Und tat­säch­lich sind die ein­zi­gen gel­ben Fle­cken in einer fros­ti­gen Win­ter­nacht wie die­ser Ver­kehrs­schil­der „Nie­der­zier 1 km“ und die ner­vö­sen Blin­ker mei­ner Ver­kehrs­ge­nos­sen. Das gelbe Orts­schild am Was­ser­werk emp­fängt mich unter einer zar­ten Schicht von Eis­blu­men.

Ti­tel­ge­schich­te Her­zog – Thema gelb. Ko­misch, tat­säch­lich emp­fängt mich die Hei­mat­stadt des Her­zogs gelb. Mein Blick schärft sich – wo ist das nächs­te gelb – da, die Ampel an der Kreu­zung Wie­sen­stra­ße Rö­mer­stra­ße springt von rot auf gelb…… und dann grün. Am­pel­schick­sal. Lange kein gelb dann unter der Ei­sen­bahn­un­ter­füh­rung ein gel­ber Pfos­ten, ver­mut­lich zur Mar­kie­rung der Gas­lei­tung unter der Bahn­gas­se. Da das Schild der Bus­hal­te­stel­le am Mäd­chen­gym­na­si­um, grü­nes H auf gel­bem Grund.

Müss­te jetzt ei­gent­lich ab­bie­gen, kille den grü­nen Ar­ma­tu­ren­pfeil und fahre wei­ter ge­ra­de­aus. Jet Tank­stel­le – Flash – Gelb­fie­ber?! Die Post mit ihren Brief­käs­ten. Ein Taxi kreuzt. An der Zi­ta­del­le links Rich­tung Manu, in großen dunklen gel­ben Let­tern „Pan­cie­ra“, seit über 50 Jah­ren Sym­bol für Eiss­pe­zia­li­tä­ten, Som­mer, Sonne, Er­fri­schung. Kurz vor Kar­ne­val macht er wie­der auf – also zur Win­ter­aus­trei­bung – zum Ende der Zeit ohne na­tür­li­ches gelb. Also dann, wenn die „Stern­chen“ in ihrem gel­ben Smo­king auf­lau­fen, be­schwips­te Jung­män­ner in Biene Maja Ko­stü­men von einem Blüm­chen zum nächs­ten schmet­ter­lin­gen.

Mir wird immer deut­li­cher klar, wie sel­ten gelb im Win­ter ist und schon kommt mir der win­ter­de­pres­si­ve Ge­dan­ke, ob es gelb in der win­ter­li­chen Natur über­haupt gibt? Krass, warum spie­len die jetzt im Radio „Yel­low Sub­ma­ri­ne“? Das gelbe U-Boot der Bea­tles. Im Zei­chentrick ani­mier­te Pilz­köp­fe tan­zen in einer pa­ra­do­xen Sze­ne­rie um ein gel­bes U-Boot. Flower Power Pop – Pop of Cola – Afri Cola – Bluna – Fanta – Kai­ser­per­le Li­mo­na­de aus gold­gel­bem Stroh­halm. Lange her. Gelb­fie­ber. Die gelbe Kon­troll­leuch­te mei­ner Tan­k­an­zei­ge geht an. Was geht hier ab? Lin­ni­cher­stra­ße – am wei­ßen Penny auf rotem Grund und gel­bem Punkt vor­bei – Pub am Ho­ri­zont – in der Lich­ter­ket­te 2 gelbe Glüh­bir­nen. Win­ter­kal­tes Aral – blau – oder Shell früh­lings­gelb? Ist der Sprit bei Shell ei­gent­lich gelb und der von Aral blau? Und der von Esso? Sit­zungs­pla­kat der KG Ulk mit gel­bem Wap­pen. Spen­raths Renault gelb. Gibt es im Win­ter na­tür­li­ches Gelb?

„N’ Abend Papi“, be­grüßt mich mein Sohn in der Küche. „Hast Du auch noch Hun­ger, komme ge­ra­de erst vom Sport. Spie­ge­lei oder zwei oder drei?,“ fragt er breit grin­send. Zack, die Pfan­ne auf den Herd, Kühl­schrank auf, 5 Schei­ben Schin­ken, 5 Eier, 5 Schei­ben Brot. Aus der Pfan­ne glän­zen die bruz­zeln­den Ei­gelb ent­ge­gen. Es gibt also doch auch im Win­ter ein na­tür­li­ches Gelb – wenn auch ver­steckt unter nicht rauer Scha­le.

Der nächs­te Mor­gen weckt mich mit kräf­ti­gen Son­nen­strah­len durch die Rol­la­den­rit­zen. Ge­spannt ziehe ich an dem Gurt und schaue hin­aus. Nein, auch am Tag ist Win­ter­gelb in der Natur nicht zu er­b­lin­zeln. Ok, ganz ver­ein­zel­te im­mer­grü­ne Sträu­cher, Spe­zi­es mir un­be­kannt, haben gelbe Fle­cken. Auf mich künst­lich wir­kend, ge­züch­tet. Jü­lich und sein Gelb geht es mir wie­der durch den Kopf.

Ra­dio­ak­ti­vi­tät wird mit einem sehr ein­deu­ti­gen Zei­chen mar­kiert. Ein schwar­zer Pro­pel­ler mit drei Flü­geln auf gel­bem Grund. Trotz Jü­lichs ra­dio­ak­ti­ver Ver­gan­gen­heit exis­tiert das Zei­chen in der Stadt und öf­fent­lich nicht. Wenn dann nur nu­kle­ar­me­di­zi­nisch of­fi­zi­ell. Meine Hei­mat­stadt, Sym­bio­se aus For­schung, Tra­di­ti­on und Ge­schich­te hatte in rhei­ni­schem Men­tal an die un­bän­di­ge aber teuf­li­sche Nu­kle­ar­kraft ge­glaubt. So zer­stört wie nach einer Atom­bom­be, fast schon zum Denk­mal der Zer­stö­rung ge­wor­den, trotz­dem wie­der auf­ge­baut. Dann vor ei­ni­gen Jah­ren die Rea­li­tät auf der Über­hol­spur – plötz­lich un­an­ge­kün­digt ohne Blin­ker. Nu­klea­re Stör­fäl­le in der da­mals noch KFA waren ver­tuscht wor­den. Hät­ten sonst viel­leicht au­ßer­halb des Zauns des Aben­teu­er­spiel­plat­zes im Stet­ter­ni­cher Forst die gel­ben Warn­schil­der er­mahnt keine Maiglöck­chen, Stein­pil­ze oder Maro­nen zu sam­meln? Keine Kühe gra­sen zu las­sen, Rüben im Boden zu las­sen? Be­trug, dass die Verant­wort­li­chen nicht den Mut hat­ten, am Tag X ihre Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen. Mutig, mehr feige, eine ganze Stadt, die ei­ge­ne Fa­mi­lie, Freun­de zu be­trü­gen. Oder waren die Wis­sen­schaft­ler schon lange nicht mehr da, da­mals als das alles trans­pa­rent wurde? Ein dun­kel­gelb schwar­zer Fleck auf un­se­rer Stolz­wes­te als For­schungs­stadt. Und na­tür­lich die Frage, wis­sen wir wirk­lich Alles, was da­mals pas­siert ist? Waren und sind die Jü­li­cher zu gut­gläu­big, zu loyal. „Atom­kraft, nein Danke!“ Ende der 70er, ent­lock­te in Jü­lich eher ein müdes Lä­cheln als Nach­den­ken. Jü­lich hat ge­lernt. Was pas­siert mit Ti­hange, bevor was pas­siert und wenn es pas­siert, was pas­siert dann mit un­se­rem Jü­lich, das sym­bio­tisch mit der „KFA“ seit 60 Jah­ren neben Lö­chern die Re­gi­on prägt? Ham­ba­cher Wald ab­hol­zen, Dör­fer und Höfe um­sie­deln, Loch bud­deln, Kohle raus gegen Kohle für Haus und Hof. Das mit der KFA hat doch auch ge­klappt. Dann die Risse in den Häu­sern, eine Schnei­se weil der Boden lebt. Lö­wen­bräu, Schlu­sches Eck – weg. Ver­ges­sen über die Jahre. Gelbe La­mers Bag­ger, zack, rumms, quasi über Nacht. Doch die Jü­li­cher lie­ben ihre Stadt wei­ter­hin, fei­ern. Kar­ne­val, Wein­fest, Bier­bör­se. Sich 3x jede Woche das Markt­ver­gnü­gen gön­nen kön­nen. Das gibt es nicht oft und schon so lange ich den­ken kann. Und dort, jede Menge gelb. An­na­nas­gelb, Ap­fel­gelb, Bana­nen­gelb, Ho­nig­gelb, Pa­pri­ka­gelb – da­nach Bier­gelb im Lie­be­voll – und bald wie­der davor, trei­ben wir noch den Win­ter aus – Grün­don­ners­tag, Tul­pen­sonn­tag, Ro­sen­mon­tag, Veil­chen­diens­tag mit dem La­za­rus, der Be­er­di­gungs­sze­ne­rie an der Rur, mit bunt lau­tem Feu­er­werk. Kar­ne­val, der Weg in den Früh­ling mit Blu­men­ta­gen. Dann wer­den bald den Schnee­glöck­chen die ers­ten Kro­kus­se und Os­ter­glo­cken fol­gen, ihre grüne Neu­gie­rig­keit in die Luft ste­cken. Und ir­gend­wann end­lich plat­zen die Knos­pen. Os­tern über­nimmt – bunte Eier – innen alle gelb. Auf allen Wie­sen und in den großen und klei­nen Bee­ten, un­zäh­li­ge Blü­ten, die far­ben­froh den Sieg über den Frost fei­ern. Der Schloss­platz hat sich von Weih­nachts­markt und Zelt er­holt und fri­sches Gras­grün ist der Tep­pich für Kas­ta­ni­en- und Lin­den­blü­ten. Im Zi­ta­del­len­gra­ben ver­ein­zelt ver­spreng­te Hya­zin­then und Pri­meln. Und rund um Jü­lich strahlt der Raps mit der Sonne um die Wette. Rund um Jü­lich – die­ses Mal quer durch Jü­lich. Wohl das be­rühm­tes­te gelbe Klei­dungs­stück der Welt wird die­ses Jahr durch Jü­lich flit­zen. Mit sei­ner Ka­ra­wa­ne aus Spon­so­ren-, TV-, Mann­schafts- und Se­cu­ri­ty Fahr­zeu­gen.  Ein Hö­he­punkt in der Ge­schich­te un­se­rer Sport­stadt. Es wer­den nur Se­kun­den­bli­cke auf das gelbe Shirt sein, Mi­nu­ten schau­en, war­ten dann hin­ter­her­bli­cken. Vor­bei­fah­ren­den Fahrt­wind spü­ren, die Kraft der Pe­da­lis­ten endet im Hauch. Sirrrrrrrrr. Vor­bei.

  Frank Lafos