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Der ver­chrom­te Knopf des Hand­schuh­fachs, ein­ge­rahmt von einem sol­chen Ring, er­in­nert an einen Klin­gel­knopf. Bei einem Druck dar­auf springt die Blech­klap­pe auf und fe­dert nach 90 Grad satt im Schar­nier noch ei­ni­ge Se­kun­den nach. Man muss­te schnell genug sein und die Hand weg­zie­hen, an­sons­ten war das Fe­der­spiel un­ter­bro­chen. Ich weiß nicht, wie oft ich die­sen Knopf ge­drückt und damit den Vor­gang aus­ge­löst und be­ob­ach­tet habe. Mit mei­nen viel­leicht fünf Jah­ren saß, nein ich stand mehr im Fuß­raum auf der Bei­fah­rer­sei­te des für die An­fang der 60er Jahre ty­pisch maus­grau­en Ge­fährts und war­te­te. Vorne nur im Ste­hen – beim Fah­ren hin­ten aus der Bret­zel schau­end. War­te­te auf Vater oder Mut­ter, die Er­le­di­gun­gen mach­ten. An­fang der 60er Jahre gab es für Jungs im Vor­schulal­ter noch nicht so rich­tig viel Zeit­ver­treib beim War­ten im Auto. Das Be­fah­ren des Au­to­in­nen­raums mit dem neues­ten Match­box-Auto in­klu­si­ve Imi­ta­ti­on des Mo­tor­ge­räusches war tat­säch­lich noch die in­ter­essan­tes­te Va­ri­an­te der Ablen­kung. Und das Fe­dern. Be­schwer­te ich mich nach einer mir un­end­lich er­schei­nen­den Zeit­span­ne beim El­tern­teil, hörte ich oft „Ge­duld ist, wenn man trotz­dem lacht!“ und freu­te mich rie­sig, wenn der Zünd­schlüs­sel ge­dreht wurde und wir die nächs­te Sta­ti­on un­se­rer Tour oder unser zu Hause an­steu­er­ten. Das sind meine ers­ten Erin­ne­run­gen an das all­täg­li­che War­ten.

 

Dann gab es aber auch noch das War­ten auf Be­son­de­res, Er­eig­nis­se auf die wir hin­fie­ber­ten. Die ganze Fa­mi­lie in po­si­ti­ver Aufruhr. Na­tür­lich der Hei­ligabend. Das Wohn­zim­mer in der klei­nen Man­sar­de in der Köln­stra­ße, das uns Kin­dern am 24.12. mor­gens ge­sperrt blieb. Der Tür­rah­men von außen per Heft­zwe­cken mit einem Lei­nen­bet­tuch ver­hängt. Ein Thea­ter mit Pre­mie­ren­abo. Vater oder Mut­ter husch­ten ge­heim­nis­voll hin­durch und wir Kin­der mach­ten uns einen Spaß dar­aus, einen Blick zu er­ha­schen. Er­folg­los, trotz­dem in freu­di­ger Span­nung gut ge­launt war­tend. Was gab es die­ses Jahr ge­schenkt? Wurde der Wunsch­zet­tel er­füllt? Am spä­ten Nach­mit­tag öff­ne­te sich dann die Türe und ein Raum, be­leuch­tet von war­mem Ker­zen­licht, und emp­fing un­se­re Neu­gier.

 

Au­ßer­ge­wöhn­lich war auch immer das War­ten auf Be­su­che der Ver­wandt­schaft aus Nah und Fern. Die schrä­ge Tante aus Köln, die rau­chend auf dem Sofa saß und Ko­gnak trank. Immer eine Tafel Scho­ko­la­de für uns dabei oder sogar Eis­kon­fekt! Der Be­such des On­kels aus Ame­ri­ka, der mit sei­nem Ak­zent mit be­haf­te­ten Deutsch fremd und dann doch sehr ver­traut wirk­te. Das War­ten auf ihn war sehr be­son­ders und je näher der Tag der An­kunft kam, um so auf­re­gen­der wurde es. End­lich los zum Ab­ho­len nach Köln, letz­te Mi­nu­ten des Aus­har­rens und dann das Wie­der­se­hen, oft unter Freu­den­trä­nen der Er­wach­se­nen, mit­er­le­ben dür­fen. Da­mals, noch nicht be­wusst, wie­viel Zeit mei­nes rei­se­freu­di­gen Le­bens ich noch von A bis nach B auf­wen­den werde oder in C oder D mit War­ten ver­brach­te.

 

Stock­holm Flug­ha­fen Ar­landa, Frei­tag 19 Uhr 30, Win­ter, An­fang der Neun­zi­ger. War­ten auf den Rück­flug. Der Ter­min war er­folg­reich. Die Wette war ver­lo­ren, konn­te den Ge­schäfts­part­nern ges­tern bei der An­kunft die ver­spro­che­nen sechs Fla­schen Cham­pa­gner über­rei­chen. Mit brei­tem in­ner­li­chen Grin­sen und äu­ßer­lich zer­knirscht die Wett­schuld be­gli­chen. Die skan­di­na­vi­schen Kol­le­gen lie­ßen im ge­mein­sa­men Pro­jekt drei Mo­na­te war­ten. Dafür die be­wuß­te Wette beim letz­ten Mal, sie wür­den das nicht wie­der auf­ho­len, den fest ver­ein­bar­ten Lie­fer­ter­min ver­pas­sen. Sie hiel­ten ihn dann doch und das waren die sechs Fla­schen wert. Inklu­si­ve das un­si­che­re War­ten am Zoll, denn am Tag vor­her mit den sechs Pul­len er­wi­scht. No Risk – No Fun. Die Skan­di­na­vier zum Din­ner sehr gast­freund­lich. Im letz­ten Licht des Tages, es war ge­ra­de kurz vor 15 Uhr, ent­lang der Schä­ren Stop an einem fürst­lich aus­se­hen­den Ge­bäu­de. In traum­haf­ter Lage in einer wun­der­schö­nen Bucht. Das Haus ein be­rühm­tes Aus­flugs­lo­kal mit ganz­jäh­ri­gem schwe­di­schen Weih­nachts­buf­fet. He­ring in nie wie­der er­leb­ten Va­ria­tio­nen: süß, sauer, süß-sauer, in Essig, Öl, Essig-Öl, jeg­li­cher Ge­würz­va­ri­an­te, warm, kalt. Die Viel­falt an Lachs, an­ge­rich­tet wie für einen Markt­stand, war über­wäl­ti­gend. Brot­va­ri­an­ten von Knä­cke bis schwarz. Dann das tra­di­tio­nel­le Ge­tränk: Vodka aus der Kar­af­fe – nicht im Pinn­chen wie bei uns, son­dern per Was­ser­glas….. Am frü­hen Abend mit Bett­schwe­re zu­rück ins Hotel.

 

Noch immer War­ten auf den Rück­flug und das sah nicht gut aus. Minus 18 Grad, zap­pen­dus­ter, Schnee­ge­stö­ber und Ver­we­hun­gen schon auf dem Weg zum Air­port. Ole, schwe­di­scher Kol­le­ge, mein­te noch ganz über­zeugt, die SAS fliegt immer. Ab­flug war für 18 Uhr ge­plant, um 17:45 die Durch­sa­ge: der Flie­ger sei noch nicht ge­st­ar­tet in Deutsch­land, tech­ni­sche Pro­ble­me. Um 20 Uhr: der Flie­ger sei jetzt zum Start Rich­tung Stock­holm be­reit, man prüfe noch die Wet­ter­la­ge und würde dann wie­der in­for­mie­ren. Um 21:30 Uhr Ge­wiss­heit, der Flug ge­stri­chen. Shit hap­pens – No Fun with Risk. Ab ins nächs­te Hotel, vor­her noch den Flug für den nächs­ten Mor­gen klar ge­macht. Köln wird lei­der nicht an­ge­flo­gen, es muss nach Düs­sel­dorf aus­ge­wi­chen wer­den und dann gibt es einen Taxi-Trans­fer nach Köln – da steht ja das Auto. Ab­flug 06:10 Uhr. Pro­blem­lo­ser Flug, pro­blem­lo­ses Taxi. Zu Hause sit­zen in der Küche Mit­be­woh­ner mit zwei La­dies und fei­ern die ver­gan­ge­ne Nacht. Ner­vig be­sof­fen mit al­ber­nem Mit­leid. War­ten, ob die Mä­dels weich wer­den. Schnell Ta­sche neu pa­cken und ab zum Mee­ting nach Fulda. Die Kol­le­gen sind schon seit ges­tern dort, hin­ter­her­fah­ren. War­te­zeit auf­ho­len. Nach knapp zwei Stun­den Fahrt plötz­lich Schnee­ge­stö­ber. Es ist Vor­mit­tag, die Hand nicht mehr vor Augen zu sehen. Schwe­di­sche Ver­hält­nis­se – Déjà Vu. An einer Stei­gung auf der Ge­gen­sei­te ste­hen drei LKW quer. Der krüp­pe­li­ge Ford Gra­na­da mit Heck­an­trieb und Som­mer­rei­fen ver­hält sich bei Tempo 40 an der nächs­ten Stei­gung so­li­da­risch. Alles steht, rutscht, warn­blinkt, glit­zert im künst­li­chen Lich­ter­meer aus weiß, rot, gelb. Ab und zu blau. Schnee, Schnee und noch­mal Schnee. Der Vo­gels­berg macht sei­nem Ruf der Wet­ter­schei­de alle Ehre.

 

Es ist mitt­ler­wei­le Nach­mit­tag. Ungläu­big der Si­tua­ti­on und satt des Schwei­gens vi­su­el­ler Kon­takt zu Stau­ge­nos­sen. Rechts ein schnee­be­ket­te­ter 40-Ton­ner aus Ös­ter­reich mit Fich­ten­holz. Der Fah­rer, Seppi, der nur müde das biss­chen Schnee be­lä­chelt. Vorne zwei Stu­den­tin­nen – ich glau­be Kers­tin und Doris aus Göt­tin­gen. Es ist still drau­ßen, beide Rich­tun­gen ste­hen. Ge­dämpf­tes Mo­to­ren­ge­räusch von denen, die noch genug Sprit haben. Es wird dun­kel, kalt, käl­ter. Zum Glück noch zwei Schlaf­sä­cke von der letz­ten Party im Kof­fer­raum. Damit lässt es sich aus­hal­ten. Ein dump­fes Patsch weckt mich aus mei­ner Dö­se­rei. Ein Schnee­ball in Kopf­hö­he hat die Sei­ten­schei­be ge­trof­fen. Drau­ßen la­chen sich Kers­tin und Doris in den Fäust­ling. Stei­ge aus, ein ers­ter Wort­wech­sel. Seppi kommt dazu. Einer hat die Idee einen Schnee­mann zu bauen. So rol­len wir im ge­gen­sei­ti­gen Wett­streit Schnee­ku­geln und bauen einen fast zwei Meter hohen. Ge­sicht aus guter ös­ter­rei­chi­scher Fich­ten­rin­de. Als Hut stif­tet Seppi noch einen alten Blechei­mer. Der Voll­mond be­leuch­tet die Sze­ne­rie. Kla­rer Nacht­him­mel. Die Land­schaft leuch­tet wie eine Weih­nachts­post­kar­te mit Al­pen­mo­tiv. Aus den Autos um uns herum sind skep­ti­sche Bli­cke zu spü­ren – wer sind die vier? – ist zu er­ra­ten. Unser Ösi Tru­cker lädt ins ge­müt­lich ge­heiz­te Füh­rer­haus ein. Es könn­te auch eine Berg­hüt­te sein. Tee, Kaf­fee, Scho­ko­la­de, Ti­ro­ler Speck, Stu­den­tin­nen­ge­burts­tags­ku­chen, der ei­gent­lich für den nächs­ten Tag ge­dacht ist. Jeder gibt was er/sie hat. Jeder nimmt ohne Al­lü­ren. Es hat etwas von La­ger­feu­er­ro­man­tik, fast kommt der Wunsch auf, dass es wei­ter schneit. Die bei­den Mä­dels be­kom­men einen Schlaf­sack. Ge­lie­hen. Wo kommst Du her, wo fährst Du hin? Wie lange wird es noch dau­ern, wer war­tet auf wen? Ge­spannt dar­auf, was sagt der Ver­kehrs­funk jetzt? Ir­gend­wann um Mit­ter­nacht löst der Stau sich auf. Die nächs­te Aus­fahrt ist meine. Streu­wa­gen bah­nen den Weg. Der Park­platz di­rekt an der Dorf­kir­che wird mei­ner. Die Rück­bank des Fords wird zum Bett. Den Schlaf­sack bekam ich nach ein paar Wo­chen zu­ge­schickt. Habe nicht dar­auf ge­war­tet, wuss­te er kommt. Erin­ne­re mich gerne an diese 36 Stun­den – an Schwe­den, an den Vo­gels­berg. Wäre das mit Goo­gle Maps, Warn­wet­ter.de, Fa­ce­book, Twit­ter oder WhatsApp auch so pas­siert? Ge­duld ist, wenn man trotz­dem Lacht!

 

  Frank Lafos

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