WonneproppenWEB1Ot­thein­rich von Pfalz-Neu­burg

 

Wegen sei­ner be­acht­li­chen Lei­bes­fül­le konn­te er zu­letzt kaum mehr sel­ber gehen. Schon kurze Stre­cken raub­ten ihm den Atem. So ließ er sich denn gerne in einer Sänf­te tra­gen. Ganz offen ging er aber damit um: Re­prä­sen­ta­ti­ve Por­träts zei­gen sei­nen un­för­mi­gen Kör­per, neben dem seine Frau klein und zer­brech­lich scheint. Die Rede ist hier von Ot­thein­rich von Pfalz-Neu­burg, zu­letzt Kur­fürst von der Pfalz. Ge­bo­ren wurde er 1502, ge­stor­ben ist er 1559. Ein Re­naissance­fürst wie er im Buche steht, eine der zen­tra­len Ge­stal­ten des Re­for­ma­ti­ons­jahr­hun­derts, die es sich im 500. Jahr der Wie­der­kehr des The­sen­an­schlags von Mar­tin Luther lohnt, ge­nau­er in den Blick zu neh­men.

Ot­thein­rich war früh das, was man einen Won­ne­prop­pen nennt, ein dick­li­cher Mensch, aber mit einem ein­neh­men­den Wesen. Ot­thein­rich und sein etwas jün­ge­rer Bru­der Phil­ipp waren schon 1504 Voll­wai­sen ge­wor­den, die unter die Vor­mund­schaft ihres On­kels Fried­rich von der Pfalz ge­stellt wur­den. 1505 wurde ihnen das durch den Kai­ser neu ge­schaf­fe­ne Ter­ri­to­ri­um Pfalz-Neu­burg, auch die „Jun­ge Pfalz“ ge­nannt, mit der Re­si­denz­stadt Neu­burg an der Donau zu­ge­spro­chen. Die­ses Ge­biet hatte den Lands­hu­ter Erb­fol­ge­krieg in­ner­halb des Hau­ses Wit­tels­bach als Vor­ge­schich­te, der uns hier aber wei­ter nicht in­ter­es­siert. Aus Jü­li­cher Per­spek­ti­ve wich­ti­ger ist, dass es in der zwei­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts ver­wandt­schaft­li­che Be­zie­hun­gen zwi­schen den Her­zog­tü­mern Jü­lich-Kleve-Berg und Pfalz-Neu­burg gab. 1574 hei­ra­te­te Anna von Jü­lich-Kleve-Berg, zwei­t­äl­tes­te Toch­ter Her­zog Wil­helms V., ge­nannt „der Rei­che“, Phil­ipp Lud­wig von Pfalz-Neu­burg, ein Ver­wand­ter Ot­thein­richs aus der wit­tels­ba­chi­schen Linie Zwei­brücken, die seit 1556 über das klei­ne Ter­ri­to­ri­um an der Donau re­gier­te. Die Ehe­ver­bin­dung mit dem Haus Jü­lich-Kleve-Berg war ein enor­mer Pres­ti­ge­ge­winn. Nach dem Tod Her­zog Jo­hann Wil­helms I. von Jü­lich-Kleve-Berg ohne männ­li­chem Nach­kom­men 1609 er­laub­te diese Ver­bin­dung zudem den Sprung an den Nie­der­rhein. Im jü­lich-kle­vi­schen Erb­fol­ge­streit konn­te sich das Haus Pfalz-Neu­burg die Her­zog­tü­mer Jü­lich und Berg si­chern. Die Jü­li­cher wur­den für na­he­zu zwei Jahr­hun­der­te Un­ter­ta­nen von Wit­tels­ba­chern. Kommt man heute in das Ge­biet des ehe­ma­li­gen Her­zog­tums Pfalz-Neu­burg, be­geg­nen einem auf Schritt und Tritt, bei­spiels­wei­se in Neu­burg an der Donau oder in Höch­städt, Zeug­nis­se der Jü­li­cher Ge­schich­te. In­so­weit lohnt ge­ra­de in die­sem Jahr ein Be­such von Neu­burg an der Donau. Das dor­ti­ge Stadt­mu­se­um zeigt in den be­ein­dru­cken­den Räum­lich­kei­ten des Schlos­ses von Mitte Juli bis An­fang No­vem­ber die Aus­s­tel­lung „Fürs­tenMacht & wah­rer Glau­be. Re­for­ma­ti­on und Ge­gen­re­for­ma­ti­on“. Auch das Mu­se­um Zi­ta­del­le Jü­lich gibt be­deu­ten­de Leih­ga­ben nach Neu­burg an der Donau, die die mi­li­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung um die Lan­des­fes­tung Jü­lich zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts do­ku­men­tie­ren.

WonneproppenWEBKeh­ren wir aber zu un­se­rem Won­ne­prop­pen Ot­thein­rich zu­rück. Schon früh zeig­te sich trotz ge­die­ge­ner hö­fisch-rit­ter­li­cher Er­zie­hung, dass der Pfalz­graf eher den schö­nen Din­gen des Le­bens zu­ge­neigt war. Als er mit 20 im Jahr 1522 die Re­gent­schaft über­nahm, wurde schnell deut­lich, dass seine an­spruchs­vol­le Hof­hal­tung die Ein­nah­men sei­nes klei­nen Ter­ri­to­ri­ums bei wei­tem über­stie­gen. Das in­ter­es­sier­te den jun­gen Fürs­ten aber we­ni­ger. So war er noch vor dem of­fi­zi­el­len Re­gie­rungs­an­tritt zu einer Pil­ger­rei­se nach Je­ru­sa­lem auf­ge­bro­chen. Ein ge­fähr­li­ches und aben­teu­er­li­ches Un­ter­fan­gen, das Ot­thein­rich glück­lich über­stand und auf das er zeit­le­bens sehr stolz war. Schon mit 18 hatte er sich in seine Cou­si­ne Su­san­na ver­guckt, die aber vor­erst einen an­de­ren Mann hei­ra­te­te. Als die­ser 1527 starb, hielt er um ihre Hand an. Tat­säch­lich hei­ra­te­te das Paar 1529. Eine unter Fürs­ten eher sel­ten an­zu­tref­fen­de Hei­rat, die auf der ge­gen­sei­ti­gen Sym­pa­thie der Ehe­part­ner be­ruh­te. Umso schwe­rer traf Ot­thein­rich der frühe Tod sei­ner Frau mit ge­ra­de ein­mal 41 Jah­ren 1543. Meh­re­re Fehl­ge­bur­ten hat­ten Su­san­na schwer zu­ge­setzt und ihre Le­bens­span­ne ver­kürzt. Der schon da­mals schwer­ge­wich­ti­ge Ot­thein­rich – be­reits 1532 war eine Kut­sche unter sei­ner Last zu­sam­men­ge­bro­chen und man muss­te eine Mist­kar­re für die Wei­ter­rei­se re­qui­rie­ren – setz­te noch zu­sätz­li­chen Kum­mer­speck an. Zudem steu­er­te sein Ter­ri­to­ri­um auf einen Staats­bank­rott zu. Und als sei dies alles noch nicht genug, fass­te der Fürst die schwer­wie­gen­de Ent­schei­dung, sich von der ka­tho­li­schen Kir­che ab­zu­wen­den und die Re­for­ma­ti­on lu­the­ri­scher Prä­gung in Pfalz-Neu­burg ein­zu­füh­ren. Damit ge­riet er vollends in die sich ver­schär­fen­de Kon­flikt­si­tua­ti­on zwi­schen den sich immer mehr ver­fes­ti­gen­den kon­fes­sio­nel­len Blö­cken im Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich Deut­scher Na­ti­on. 1544 muss­te er sein Ter­ri­to­ri­um ver­las­sen und zog nach Hei­del­berg, wäh­rend sein ge­lieb­tes Pfalz-Neu­burg 1546 von kai­ser­li­chen Trup­pen ge­plün­dert und an­schlie­ßend re­ka­tho­li­siert wurde. Ot­thein­rich selbst hoff­te nun dar­auf, die Erb­fol­ge in der Kur­pfalz an­tre­ten zu kön­nen. Tat­säch­lich wurde er aber von sei­nem Onkel, dem Kur­fürs­ten von der Pfalz, aus­ge­boo­tet, in dem die­ser die Nach­fol­ge sei­nem Bru­der über­trug. Diese Zu­rück­set­zung trug Ot­thein­rich mit Fas­sung und wid­me­te sich sei­nen Stu­di­en und dem Sam­meln von Bü­chern und alten Hand­schrif­ten. 1556 kam er dann doch noch zum Zuge. Der von Geg­nern oft­mals be­lä­chel­te Won­ne­prop­pen wurde Kur­fürst von der Pfalz und damit der mäch­tigs­te unter den Reichs­fürs­ten. Diese späte Ge­nug­tu­ung konn­te er je­doch nur drei Jahre ge­nie­ßen. Am 12. Fe­bru­ar 1559, acht Wo­chen vor sei­nem 57. Ge­burts­tag, verstarb Ot­thein­rich, der sich als 20-jäh­ri­ger den Wahl­spruch „Mit der Zeit“ ge­ge­ben hatte. „Mit der Zeit“ war er ge­gan­gen, aber auch ein Opfer der­sel­ben ge­wor­den.

Guido von Büren