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Weih­nacht­sein­kaufs­ma­ra­thon 2016

 

An­fang Sep­tem­ber, die Sonne brennt vom Him­mel, Jü­lichs Frei­bad platzt aus allen Näh­ten und in den Su­per­markt­re­ga­len sta­peln sich
Spe­ku­la­ti­us, Do­mi­no­stei­ne und Zimt­ster­ne. Wäh­rend sich der ge­mei­ne Son­nen­an­be­ter al­len­falls einen neuen Bi­ki­ni re­spek­ti­ve eine Ba­de­ho­se oder ein Fläsch­chen Son­nen­milch gönnt, weiß der er­fah­re­ne Weih­nacht­sein­käu­fer spä­tes­tens jetzt, dass die größ­te Her­aus­for­de­rung des Jah­res vor der Tür steht: der Ge­schen­ke­ma­ra­thon durch die Ge­schäf­te sämt­li­cher er­reich­ba­rer In­nen­städ­te zwi­schen Aa­chen und Düs­sel­dorf. 

In Sa­chen Weih­nacht­sein­kauf hat das weib­li­che Ge­schlecht üb­ri­gens deut­lich die Nase vorn, sie gehen we­sent­lich frü­her im Jahr auf die Pirsch – das je­den­falls meint eine Stu­die der FOM Hoch­schu­le für Öko­no­mie und Ma­na­ge­ment, die im ver­gan­ge­nen Jahr rund 46.000 Kon­su­men­ten ab einem Alter von 12 Jah­ren be­frag­te. Wie sieht es denn in Jü­lich aus? Wer kauft denn mehr, frü­her, spon­ta­ner? Und was kau­fen die Jü­li­cher ei­gent­lich? Zu Weih­nach­ten und auch sonst?

Ute Wer­ner, Vor­sit­zen­de der Wer­be­ge­mein­schaft, kennt sie alle: Die Pla­ner, die schon im Herbst an­fan­gen, die Ge­schen­ke für ihre Lie­ben ein­zu­kau­fen und den Tru­bel in Stra­ßen, auf Märk­ten und Ge­schäf­ten lie­ber ver­mei­den. Aber na­tür­lich gibt es auch die „Klas­si­ker, die erst am Mor­gen des 24. De­zem­ber los­zie­hen“. Wer sich al­ler­dings mit Si­cher­heit nicht erst kurz vor dem Fest in den Ein­kaufs­tru­bel stürzt, ist die Spe­zi­es der Ein­zel­händ­ler, Ver­käu­fe­rin­nen und Ver­tre­ter ähn­li­cher Be­ru­fe – diese haben näm­lich schlicht keine Zeit dafür.

„Ü­ber­le­gen Sie doch mal“, meint Ute Wer­ner, „wann macht der Jü­li­cher Weih­nachts­markt auf? Mitte No­vem­ber?  Wenn da zum Bei­spiel die Damen und Her­ren vom Glüh­wein­stand kei­nen Baum und keine Weih­nachts­de­ko­ra­ti­on haben, dann gibt es auch nichts mehr.“ Klar, stimmt, wer soll­te sonst das be­lieb­te Heiß-ge­tränk aus­schen­ken. Schließ­lich herrscht vor allem rund um die Glüh­wein­bu­den der größ­te weih­nachts­markt­li­che Tru­bel. Aber nicht nur Glüh­wein braucht der Ge­schen­ke­käu­fer, son­dern auch Schlip­se, So­cken oder viel­leicht ein Kaf­fee­ser­vice für Mutti. Oder? „Das Ein­kaufs­ver­hal­ten hat sich schon ge­än­dert“, meint die Vor­sit­zen­de der Wer­be­ge­mein­schaft und ist sich si­cher, dass sonst „be­stimm­te Ge­schäf­te eben nicht ge­schlos­sen wor­den wären.“ Also we­ni­ger Kris­tall­glä­ser und Kaf­fee­tas­sen, statt­des­sen lan­det, ja was genau ei­gent­lich auf dem Ga­ben­tisch? Mit einem An­teil von 37% ganz weit vorne lan­det (laut einer Um­fra­ge des On­li­ne-Sta­tis­tik-Por­tals sta­tis­ta.de) der Ge­schen­ke­klas­si­ker Buch, dicht ge­folgt von Spiel­wa­ren, Be­klei­dung und Ac­ces­soires. Also doch Schlip­se und So­cken.

Egal ob früh­weih­nacht­li­cher Tru­bel oder hoch­som­mer­li­che Ruhe in den Ein­kaufs­s­tra­ßen herrscht, ein Trend scheint sich durch­zu­set­zen: Zero waste, mi­ni­ma­lis­tisch oder auch schlicht plas­tik-frei ein­kau­fen heißt das Thema mit dem sich vor allem viele In­ter­net-Blog­ger aus­ein­an­der­set­zen. Und das nicht erst, seit im Juli mehr als 240 Un­ter­neh­men in Deutsch­land eine Ver­ein­ba­rung un­ter­zeich­net haben, mit der sie sich ver­pflich­ten, die Tra­ge­ta­schen gegen eine Ge­bühr ab­zu­ge­ben.

In den bei­den Jü­li­cher Dro­ge­rie­märk­ten etwa kos­ten die Tüten in­zwi­schen ei­ni­ge Cent, die Buch­hand­lung Fi­scher schlägt ihren Kun­den schon ge­rau­me Zeit vor, doch lie­ber eine Spen­de für Jü­lichs Brücken­kopf­zoo da zu las­sen an­statt Geld für die Plas­tik­beu­tel aus­zu­ge­ben und auf dem Wo­chen­markt haben viele Ein­käu­fer oh­ne­hin das ei­ge­ne Körb­chen, den hand­be­mal­ten Baum­woll­beu­tel dabei.

Apro­pos Wo­chen­markt, hier herrscht der meis­te Tru­bel ein­deu­tig am Sams­tag­vor­mit­tag in der war­men Jah­res­zeit. Ein frei­es Plätz­chen ir­gend­wo in einem der Cafés mit Au­ßen­ga­stro­no­mie rund um Markt­platz, Düs­sel­dor­fer und Köln­stra­ße? Fehl­an­zei­ge. Ähn­lich schwie­rig sieht die Sache aus, wenn der ge­mei­ne Sams­tag­s­ein­käu­fer sei­nen fahr­ba­ren Un­ter­satz ir­gend­wo ab­stel­len möch­te. Je­den­falls immer dann, wenn die­ser vier Räder hat und un­mit­tel­bar rund um den Schloss­platz ab­ge­stellt wer­den soll.

Dort wird aus Jubel, Tru­bel und des Ein­käu­fers Hei­ter­keit schnell mal schlech­te Laune – wenn näm­lich die Nach­barn die Parklücken mit quer­ste­hen­den Autos noch schma­ler ma­chen und sich der auf­ge­stau­te Ärger laut­stark Luft macht. Fahr­rad­fah­rer ken­nen die­ses Pro­blem eher nicht. Doch auch sie müs­sen im sams­täg­li­chen Tru­bel auf dem Wo­chen­markt die Augen offen hal­ten – nicht um­sonst mah­nen die wei­ßen Schil­der rund um den Markt­platz „Wo­chen­markt. Rad­fah­rer bitte ab­stei­gen“. Aber da, wer sein Fahr­rad liebt sel­bi­ges oh­ne­hin lie­ber schiebt, soll­te auch diese freund­li­che Auf­for­de­rung keine grö­ße­re Schwie­rig­keit dar­stel­len.

Und die Moral von der Ge­schicht‘? Wer es ein biss­chen ru­hi­ger möch­te, der kauft die Ge­schen­ke zum Weih­nachts­fest schon im Juli – nur nicht am Wo­chen­markts­sams­tag.

161010offenesgeschenkUnd wer den Tru­bel, und viel­leicht auch den Ner­ven­kit­zel rund um die Frage „Fin­de ich das pas­sen­de Prä­sent für Oma Mül­ler bis heute Mit­tag oder nicht?“, be­vor­zugt, der war­tet bis zum 24. De­zem­ber und stürzt sich in den Last-Mi­nu­te-Tru­bel in Jü­lichs Stra­ßen und Ge­schäf­ten.

Immer schön mit Baum­woll­ta­sche oder Ein­kaufs­korb aus­ge­rüs­tet und mit dem Fahr­rad oder per pedes un­ter­wegs. Dann näm­lich steht auch dem wohl ver­dien­ten Glüh­wein nichts mehr im Weg. In die­sem Sinne wünscht der Her­zog allen Le­sern jetzt schon mal eine er­folg­rei­che Schnäpp­chen- oder Ge­schen­ke­jagd oder auch ein­fach nur einen ent­spann­ten Ein­kaufs­bum­mel ohne allzu viel Tru­bel.

 

Brit­ta Syl­ves­ter