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Fro­her, hoher Be­such

 

Auf­ge­regt flit­zen die Kin­der durchs Haus. Hoher Be­such steht an… Der Ni­ko­laus wird er­war­tet und so ste­hen die Mä­dels und Jungs schon sau­ber, adrett und mit ge­kämm­ten Haa­ren parat, spin­xen immer wie­der durch die Fens­ter, ob er denn noch nicht zu sehen ist, der (h)ei­li­ge Mann. Schließ­lich hat er ge­ra­de Hoch­sai­son.

Da klin­gelts. Der Ni­ko­laus steht da, wie sie ihn ken­nen und lie­ben: Mit sei­nem klas­si­schen roten Man­tel und lan­gem wei­ßen Bart. Und er kommt nicht al­lei­ne: Knecht Ru­precht, der alte Ge­sell, in brau­nes Sack­lei­nen gehüllt und mit wir­ren schwar­zen Haa­ren, be­glei­tet ihn. Er wirkt ein biss­chen furcht­ein­flö­ßend und da hal­ten die Kin­der schon gerne Ab­stand.  „Angst haben sie nicht, würde ich sagen. Aber Re­spekt“, sagt der Knecht, der auch als Hans Muff be­kannt ist. Das läge na­tür­lich daran, dass sie vor allem von Fa­mi­li­en ein­ge­la­den wür­den, die ihre Kin­der ent­spre­chend vor­be­rei­te­ten, „das heißt, dass die Kin­der auch diese Ehr­furcht haben.“

Ni­ko­laus ver­steckt sich hin­ter dem bür­ger­li­chen Namen Franz Go­eb­bels, und der fin­stre Ge­sell Ru­precht hin­ter dem Pseud­onym Udo Go­eb­bels und lebt in Bour­heim. Tief be­ein­druckt zeig­te sich die Mit­welt, dass der Ni­ko­laus auch eine Han­dy­num­mer hat, die der Re­dak­ti­on sogar be­kannt ist. Aber ohne Ter­min geht es eben nicht, Zwi­schen 5. und 7. De­zem­ber sind die Brü­der von 10 Uhr früh bis 10 Uhr abends non stop un­ter­wegs. Am Steu­er des haus­ei­ge­nen „Schlit­tens“ sitzt Knecht Ru­precht und lenkt nicht die Ren­tie­re, aber die Pfer­de­stär­ken si­cher durch das Jü­li­cher Land und dar­über hin­aus durch die Städ­te­re­gi­on Aa­chen. Dank der mo­der­nen Tech­nik muss er sich nicht mehr an den Ster­nen ori­en­tie­ren. Er greift auf ein mo­der­nes Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem zu­rück und ko­or­di­niert via Com­pu­ter und Handy die Termin­flut. Alles an­de­re ist Tra­di­ti­on – aus Über­zeu­gung, wie der muf­fi­ge Ru­precht er­klärt: „Wir ach­ten sehr auf un­se­ren Auf­tritt. Ni­ko­laus in Turn­schu­hen – das gibt es bei uns nicht.“
Beim Haus­be­such: Der hei­li­ge Mann sitzt mit sei­nem auf­ge­schla­ge­nen DIN-A3-großen, gol­de­nen Buch da, schnauft dabei wie Darth Vader ohne Atem­mas­ke und streicht sich durch den Bart, wäh­rend er kon­zen­triert die Zei­len stu­diert. Was die Kids na­tür­lich nicht wis­sen: Die El­tern haben ihren Ni­ko­laus nicht nur mit der „sü­ßen Tüte“ ver­sorgt, die im An­schluss an die An­spra­che über­ge­ben wird, son­dern eben auch mit den nö­ti­gen Fak­ten über das Wohl- und We­he­ver­hal­ten ihrer Kin­der: „Ich habe ge­se­hen, Du hilfst immer Dei­ner Schwes­ter“, spricht der Ni­ko­laus, wäh­rend er in sei­nem Buch liest. Der fünf­jäh­ri­ge Blond­schopf vor ihm zuckt mit den Schul­tern, guckt etwas rat­los, aber als der hei­li­ge Mann zu ihm hoch­schaut, fängt er hef­tig an, mit dem Kopf zu ni­cken. So ist das eben, wenn Er­wach­se­ne ihre Kin­der be­trach­ten.

Rügen gibt es für un­auf­ge­räum­te Zim­mer, nicht ge­mach­te Haus­auf­ga­ben und un­ge­bühr­li­ches Ver­hal­ten. Der Rot­berock­te hebt auch schon mal ein wenig die Stim­me, redet dem Kind ins
Ge­wis­sen. Da kann aus der Ehr-Furcht schon mal hand­fes­te Furcht wer­den. Die Folge: Ein Kind hatte sich ein­mal vor lau­ter Auf­re­gung über­ge­ben – glück­li­cher­wei­se nicht über die Klei­dung der Ehren­gäs­te, „sonst wäre der Abend für uns ge­lau­fen ge­we­sen“. In der Gro­ß­el­tern­ge­ne­ra­ti­on droh­te man den Kin­dern ja noch damit, sie „in den Sack zu ste­cken“, da gehen Ni­ko­laus und Ru­precht doch etwas mil­der vor. Dafür schlüpft Knecht Ru­precht auch mal in die Rolle des etwas Ein­fäl­ti­gen. „Wie­viel ist denn 6 x 2?“, fragt etwa der Ni­ko­laus. Und wenn Ru­precht seine Fin­ger zu Hilfe nimmt, dann füh­len sich die Kin­der, die eben noch Schel­te ein­ge­steckt haben, plötz­lich gar nicht mehr so übel und fin­den ihr Lä­cheln wie­der. Und doch ist nicht alles ein Spiel: „Wenn das nicht bes­ser wird…“, ein stren­ger Blick geht zwi­schen wei­ßen Au­gen­brau­en und Voll­bart in Rich­tung Kind: „Wir brau­chen im Him­mel noch Holz­ha­cker!“ Na­tür­lich ist dem wei­sen Mann klar: „Was in der Er­zie­hung ver­säumt wird, kann der Ni­ko­laus nicht rich­ten. Und die guten Vor­sät­ze enden meist, wenn die Ge­schen­ke aus­ge­packt sind.“ Ein­mal, ver­rät Knecht Ru­precht, sind sie darum auch bei einem ein­fach Un­ver­bes­ser­li­chen tat­säch­lich in der drit­ten De­zem­ber­wo­che noch ein­mal zu­rück­ge­kom­men. „Wir brauch­ten gar nicht viel zu tun“, er­zählt der wilde Ge­sel­le schmun­zelnd. Lange hät­ten sie noch Kon­takt zu der Fa­mi­lie ge­habt und tat­säch­lich der zwei­te Be­such eine Ver­hal­tens­ver­än­de­rung her­bei­ge­führt.

Apro­pos lan­ger Kon­takt: „Bei man­chen Fa­mi­li­en sind wir schon in der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on. Da kann­ten wir die heu­ti­gen El­tern schon als Kin­der und kön­nen na­tür­lich auch sagen: Dein Vater war nicht an­ders.“ Seit 33 Jah­ren be­reits sind die (fast) Zwei-Meter-Män­ner als Ge­spann im Jü­li­cher Land und auch dar­über hin­aus in der Städ­te­re­gi­on Aa­chen un­ter­wegs. Be­gon­nen hat alles, weil die Nach­bars­kin­der da­mals durch den Ni­ko­laus be­glückt wer­den soll­ten. Die Rol­len­ver­tei­lung zwi­schen Udo und Franz war schnell klar, weil der Äl­te­re an­fangs eher En­ter­tai­ner-Qua­li­tä­ten hatte. So wuchs das Duo ganz na­tür­lich zu­sam­men.

Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: Die ei­ge­nen Fa­mi­li­en, denn auch Ni­ko­laus und Ru­precht haben Frau und Kin­der. „Wir waren immer da, aber nie dabei“, be­dau­ert Knecht Udo Ru­precht. Lange haben seine Söhne nicht ge­wusst, dass Papa unter der brau­nen Robe steckt. Heute sind sie stolz auf ihn. Und schließ­lich: „Zu sehen, wie sich die Kin­der über un­se­ren Be­such freu­en, ist das Größ­te über­haupt!“

  Do­ro­thee Schenk