Vereine2_23_23102013Ne­bel­fän­ger für Lima

 

Fern­weh und Rei­se­lust sind die Grund­vor­aus­set­zun­gen dafür, dass meine Kol­le­gin Anne Lum­me­rich – Bio­lo­gie- und Eng­lisch­leh­re­rin am Mäd­chen­gym­na­si­um in Jü­lich – vor knapp 10 Jah­ren be­schloss, die Welt ein wenig bes­ser zu ma­chen. Be­reits als Schü­le­rin be­reist sie be­geis­tert ferne Län­der und lernt Land­schaf­ten, Men­schen und Kul­tu­ren ken­nen. Doch Rei­sen al­lei­ne ge­nügt Anne nicht, so­dass sie schon wäh­rend des Stu­di­ums einen in­ten­si­ven So­zi­al­ein­satz zeigt, indem sie drei Mo­na­te als Flücht­lings­be­glei­te­rin in Gua­te­ma­la ar­bei­tet.  Die­ser Ein­satz gibt ver­mut­lich den letz­ten An­stoß dafür, dass in Anne der Ge­dan­ke reift, auch ein­mal über einen län­ge­ren Zeit­raum un­ei­gen­nüt­zig im Aus­land zu ar­bei­ten.

Aber wie wurde Anne zur Ne­bel­fän­ge­rin?

Bli­cken wir ein Stück zu­rück in die Ver­gan­gen­heit.

Annes Mann Kai Tie­de­mann forscht auf Te­ne­rif­fa zum Thema Nebel und ver­fasst seine Di­plom- und Dok­tor­ar­beit dar­über, wie ne­be­laus­käm­men­de Pflan­zen den Was­ser­haus­halt tro­pi­scher Wäl­der be­ein­flus­sen. Schnell ist auch Anne Feuer und Flam­me und wäh­rend für die meis­ten Men­schen Nebel zu ge­trüb­ten Bil­dern und Sicht­wei­sen führt, wird für Anne immer deut­li­cher, dass genau hier der Schlüs­sel für ihr zu­künf­ti­ges En­ga­ge­ment liegt: Nebel ein­fan­gen und aus­käm­men und das so ge­won­ne­ne Was­ser einer was­ser­ar­men Re­gi­on und deren Men­schen zur Ver­fü­gung stel­len. „Ein­fan­gen“ oder „Aus­käm­men“ lässt sich Nebel mit Hilfe eines Ne­bel­fän­gers, einer Kon­struk­ti­on be­ste­hend aus zwei Au­ßen­pfos­ten zwi­schen die ein Netz ge­spannt ist. Ne­bel­trop­fen blei­ben im Netz hän­gen, for­men grö­ße­re Trop­fen und fal­len mit der Schwer­kraft in eine Rinne. Von dort ge­langt das Was­ser in ein Speicher­be­cken. Sol­che Ne­bel­fän­ger­pro­jek­te gibt es schon seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert, sie fin­den ihren Ur­sprung in Chile.

Den be­reits in Chile er­folg­reich eta­blier­ten Ne­bel­fän­ger­pro­jek­ten der Or­ga­ni­sa­ti­on fo­g­quest will das Bio­lo­gen­paar dabei keine Kon­kur­renz ma­chen und da liegt es nahe, sich Rich­tung Peru zu ori­en­tie­ren, da die­ses Land ähn­li­che kli­ma­ti­sche Ge­ge­ben­hei­ten auf­weist und über viele Ne­bel­ge­bie­te ver­fügt. Ei­gent­lich man­gelt es also gar nicht an Was­ser. Die­ses zieht aber als Nebel vom kal­ten Pa­zi­fik land­ein­wärts und bleibt auf­grund feh­len­der Hin­der­nis­se – frü­her gab es diese noch in Form von längst ab­ge­ro­de­ten Wäl­dern – un­ge­nutzt. Und somit zählt Perus Küste zu den tro­ckens­ten der Welt.

Anne nutzt ihre Chan­ce und ver­wirk­licht ihren Traum. Das MGJ un­ter­stützt sie in ihrem Vor­ha­ben.Sie lässt sich für fünf Jahre be­ur­lau­ben und packt Kof­fer. Ge­mein­sam stel­len Anne und Kai beim Glo­bal Ex­plo­ra­ti­on Fund einen För­deran­trag.

Es ist ty­pisch für Anne, dass sie vol­ler Op­ti­mis­mus in Peru lan­det, ohne zu wis­sen, ob der An­trag be­wil­ligt wird und das not­wen­di­ge Geld zur Rea­li­sie­rung des Pro­jek­tes fließt.

Die not­wen­di­ge Be­wil­li­gung aus Deutsch­land ver­zö­gert sich. Diese War­te­zeit nutzt Anne aus, um in Lima eine schö­ne Woh­nung zu be­zie­hen und ein­zu­rich­ten. Und tat­säch­lich be­wil­li­gen Bayer und Na­tio­nal Geo­gra­phic als Spon­so­ren im April 2006 30.000 US Dol­lar für das Ne­bel­fän­ger­pro­jekt in Peru. Als diese Bot­schaft in Lima ein­trifft, kön­nen Kai und Anne ihr Glück kaum fas­sen. Doch schnell zie­hen wie­der dich­te Ne­bel­schwa­den auf und trü­ben die Stim­mung. So ein­fach ist es dann doch nicht, das Pro­jekt zu rea­li­sie­ren, al­lei­ne be­wil­lig­te Gel­der rei­chen hier nicht aus.

Zu­nächst muss ein Ort ge­fun­den wer­den. Eine pe­rua­ni­sche Bio­lo­gin, die als pe­rua­ni­sche Ex­per­tin mit im Pro­jekt­an­trag war, stellt den Kon­takt zu einer Grup­pe her, die einen Park plant und Bäume pflan­zen möch­te, aber nicht weiß, wie diese zu be­wäs­sern sind. Ei­gent­lich ein Ide­al­fall für die Ne­bel­fän­ger. Und so prä­sen­tiert Anne das Pro­jekt, kann aber nicht alle Mit­glie­der der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on davon über­zeu­gen, dass es tat­säch­lich mög­lich ist, Nebel aus­zu­käm­men. Die Zu­sam­men­ar­beit wird ab­ge­lehnt.

Auch der nächs­te Ver­mitt­lungs­ver­such eines Be­kann­ten schei­tert an einem kor­rup­ten Dorf­vor­ste­her, der mit der Po­li­zei droht.

Diese Rück­schlä­ge sind ent­mu­ti­gend, aber Anne wäre nicht Anne, wenn sie ihm nicht doch etwas Po­si­ti­ves ab­ge­win­nen könn­te. Nach dem Motto, wer weiß, wofür es gut ist, ak­zep­tiert sie den Rück­schlag und blickt nach vorne. Auf Ver­mitt­lun­gen durch Ein­hei­mi­sche will Anne sich jetzt aber nicht mehr ver­las­sen und macht sich ge­mein­sam mit Kai selbst auf die Suche, einen ge­eig­ne­ten Pro­jek­tort zu fin­den.

Und sie wer­den fün­dig, fin­den ein Dorf mit dem schö­nen Namen Bella Vista, das be­reits äu­ßer­lich sehr or­ga­ni­siert wirkt, laut Anne eine Be­din­gung für das Ge­lin­gen. Nach­dem sie das Ne­bel­fän­ger­pro­jekt vor­ge­stellt haben, fragt der Dorf­vor­ste­her die An­woh­ner, ob sie diese bei­den Men­schen gehen las­sen wol­len und es kommt zu lau­ten Zu­ru­fen, die Dorf­mit­glie­der sind be­ein­druckt und be­geis­tert. End­lich kann es los­ge­hen.

In den so­ge­nann­ten „Neu­en Sied­lun­gen“ im Ar­muts­gür­tel um Lima gibt es die Tra­di­ti­on der Faen­as, der Dorf­ge­mein­schafts­ar­beit. Sonn­tags trifft man sich und ar­bei­tet für das Ge­mein­wohl. Wer nicht er­scheint, hat mit emp­find­li­chen Buß­gel­dern zu rech­nen. Und so ma­chen sich die Be­woh­ner von Bella Vista auf, ein Be­cken aus­zu­he­ben, wäh­rend Anne und Kai in einer ers­ten Test­pha­se, ori­en­tiert an fo­g­quest, klei­ne Ne­bel­fän­ger, spä­ter auch große Ne­bel­fän­ger,  auf­bau­en.

Und dann end­lich darf Anne den Kamm aus der Ho­sen­ta­sche holen und fri­sie­ren. Das Er­geb­nis ist be­ein­dru­ckend. Durch­schnitt­lich 600 Liter Was­ser wer­den mit­hil­fe der Ne­bel­fän­ger an guten Tagen aus­ge­kämmt.

Er­mu­tigt vom Er­folg des Pro­jekts ent­wi­ckeln Anne und Kai ei­ge­ne drei­di­men­sio­na­le Kol­lek­to­ren und kön­nen im zwei­ten Pro­jekt­jahr da­durch mit einem nur 8×4 m großen Ne­bel­fän­ger bis zu 2600 Liter Was­ser täg­lich aus­käm­men.

Der Er­folg spricht sich herum und das Pro­jekt kann auf zwei wei­te­re Dör­fer aus­ge­dehnt wer­den. Auch Que­bra­da Alta und Los An­ge­les ge­win­nen nun mit den Ne­bel­fän­gern Was­ser.

„Was müs­sen wir dafür tun, damit wir an die­sem Pro­jekt teil­neh­men dür­fen?“, ist die Kern­fra­ge, die die Men­schen Anne hier stell­ten. Sie sieht sich dabei vor­ran­gig als Un­ter­stüt­ze­rin in einem Pro­jekt, das gemäß dem Leit­bild der Nach­hal­tig­keit öko­lo­gi­sche, öko­no­mi­sche und so­zia­le Aspek­te ver­ei­nigt. Annes Ziel ist es, durch ihren Ein­satz Start­hil­fe zu geben und bei der Or­ga­ni­sa­ti­on zur Seite ste­hen, bis die Dorf­be­woh­ner ei­gen­stän­dig den Nut­zen aus den Ne­bel­fän­gern zie­hen kön­nen und ver­ant­wort­lich mit ihnen die Zu­kunft ge­stal­ten. Die größ­te Schwie­rig­keit eines So­zi­al­pro­jek­tes liegt immer in der Nach­hal­tig­keit. Die am Ne­bel­fän­ger­pro­jekt be­tei­lig­ten Dör­fer sind auf­grund des ge­won­ne­nen Was­sers in der Lage, Par­zel­len mit Agrar­pro­duk­ten zu be­wäs­sern und die An­bau­pro­duk­te zu ver­kau­fen. Häu­fig sind diese Dör­fer in der ge­sam­ten Re­gi­on die ein­zi­gen mit Was­ser und kön­nen auch  die­ses als Nutz­was­ser ver­kau­fen. Die Dorf­be­woh­ner nut­zen diese Mit­tel und ihre ei­ge­ne Krea­ti­vi­tät, um die Fän­ger in­stand zu hal­ten und bei Be­darf zu re­pa­rie­ren. Das macht Mut. Und es hilft Anne, auch an die Rück­kehr nach Deutsch­land zu den­ken. Denn plötz­lich sind die fünf Jahre vor­bei.

Seit 2009 ist Anne wie­der als Leh­re­rin am MGJ tätig. Den Kon­takt zu ihren Dör­fern hält sie auf­recht. Gera­de hat die Stif­tung Mün­che­ner Rück­ver­si­che­run­gen einen För­der­zu­schlag er­teilt, so­dass die Ne­bel­fän­ger in Peru wie­der op­ti­miert wer­den kön­nen als Er­wei­te­rung der be­ste­hen­den Pro­jek­te. Am liebs­ten würde Anne wie­der selbst vor Ort mit­ar­bei­ten und plant be­reits einen wei­te­ren Auf­ent­halt in Peru. Dann aber muss sie ihren Kamm wäh­rend der deut­schen Schul­fe­ri­en ein­set­zen…

 

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Chris­tia­ne Cle­mens