Halte Kurs im tiefs­ten Nebel

KunstDesign_23_23102013

Ne­ger­schlacht im Tun­nel nann­te der Münch­ner Ko­mi­ker Carl Va­len­tin ein Recht­eck, das er aus schwar­zer Pappe schnitt und dann als Bild ge­rahmt in eine Aus­s­tel­lung häng­te. Damit mach­te er einen Scherz, aber auch die Gren­zen bild­ne­ri­scher Dar­stel­lung deut­lich: Dunkles im Dun­keln geht nicht. Eben­so wenig geht das in­ein­an­der Wa­bern von wei­ßen Schwa­den win­zig klei­ner Was­ser­tröpf­chen, das sich zwi­schen uns und die Welt stellt, der Nebel.

Nacht und Nebel. Als Dop­pel sind sie sprich­wört­lich und ste­hen für das Un­durch­schau­ba­re, auch im über­tra­ge­nen Sinne. So sind sie ge­ra­de im Kri­mi­nal- und Gru­sel­gen­re un­ver­zicht­bar. Etwa wenn die Schwa­den um die Gas­la­ter­nen zie­hen und den Licht­schein in ne­be­li­ge Säcke hül­len und plötz­lich, im Auf­rei­ßen der Schlei­er di­rekt vor uns, die grau­si­ge Ge­stalt von Chri­sto­pher Lee alias des Gra­fen Dra­cu­la gegen den Voll­mond auf­ragt. Da kommt Stim­mung auf.

Aber auch der Ro­man­ti­ker Cas­par David Fried­rich macht gerne Ge­brauch davon. Denn wem die Welt oh­ne­hin nicht ge­fällt, dem ist es recht, wenn der Nebel dar­über geht wie der Schwamm über die Schul­ta­fel und die ganze Al­ge­bra der Ge­wiss­hei­ten in tropf­wei­ße Wol­ken ver­wan­delt. Der Nebel steht also gegen das Rea­li­täts­prin­zip. Aber wenn sich auf der Au­to­bahn 50 Fahr­zeu­ge in ihm ver­kei­len, dann wird er zu einem maß­geb­li­chen Teil der Rea­li­tät.

Als West­fa­le komme ich aus dem Land der Spö­ken­kie­ke­rei, also jener Fä­hig­keit, hin­ter jedem Ne­bel­streif einen Erl­kö­nig zu sehen. West­fa­len bil­det den Ein­tritt in die Ne­bel­län­der, das ei­gent­li­che Ger­ma­ni­en, wo nichts Rö­mi­sches und kein me­di­ter­ra­nes Licht hat Fuß fas­sen kön­nen und der Ne­bel­spal­ter Eras­mus von Rot­ter­dam sah im Ger­ma­ni­schen vor allem auch das Ma­ni­sche. Und der Trost im Trü­ben fin­det sich in be­ne­beln­den Ge­trän­ken aus Gers­te und Hop­fen, lu­na­re Stof­fe, manch­mal durch Nacht­schat­ten oder Bil­sen­kraut ge­stei­gert, um damit rich­tig im Trü­ben fi­schen zu kön­nen.

Richard Wa­gner zieht davon alle Re­gis­ter, das Rau­nen der Nor­nen, das Ver­schwin­den im Ve­nus­berg, das Ver­sen­ken des Gol­des im nächt­li­chen Strom. Seine Opern glei­chen dem Flecht­werk auf den Ru­nen­stei­nen, ein aus den Spal­ten des Un­ter­be­wuss­ten her­vor quel­len­des Ge­krö­se aus Wal­kü­ren, Rie­sen und Gno­men, die un­rett­bar durch das nor­di­sche Wel­ten­rät­sel irren. Das ist schon recht neb­lig.

Nun lei­den Ne­bel­be­woh­ner zwangs­läu­fig an ein­ge­schränk­tem Ge­sichts­kreis, den sie aber durch Ge­sich­te kom­pen­sie­ren. So Horst Jans­sen, Ol­den­bur­ger, der auf der Hoch­zeits­rei­se den Kla­bau­ter­mann vor Cux­ha­ven in der Elb­mün­dung sich­te­te und seit­dem seine Ge­sich­te in allen Pha­sen der Ver­wüs­tung am ei­ge­nen Ge­sicht dar­stellt. Üb­ri­gens ganz in der Tra­di­ti­on von Rem­brandt (Hol­län­der), Beck­mann (Nie­der­sach­se) oder Co­rinth (Ost­preu­ße) und den un­zäh­li­gen Kon­ter­f­eis mit der Fra­ge­stel­lung, was denn nun daran wahr­haf­tig sei und was Trug? Motto: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Wir tap­pen also im Nebel. Rechts herum geht es nach Skan­di­na­vi­en, Ham­let phi­lo­so­phiert mit dem To­ten­kopf und Ed­vard Munch lässt sei­nen Schrei er­schal­len, jene angst­vol­le Gri­mas­se, die sich unter dem ei­ge­nen Heu­len die Ohren zu­hält. Oder es geht in das Kel­ti­sche, wo der Golf­strom auf die kal­ten Nord­ge­wäs­ser trifft und die Nebel stei­gen lässt. Dunst­wän­de, aus denen Wil­liam Tur­ners Lo­ko­mo­ti­ven her­vor­ra­sen oder Dampf­schif­fe unter un­gu­tem Mor­gen­rot ihre letz­te Fahrt an­tre­ten. Aus Ne­beln kom­mend Nebel er­zeu­gend – den quel­len­den Dampf aus ihren Schlo­ten – geht die Fahrt die wa­li­si­sche Küste hin­auf.

Vor­bei an den Whis­key-Ne­beln von Dylan Tho­mas oder Richard Bur­ton. Letz­te­rer wahl­wei­se be­ne­belt von Sin­gle Malt oder ge­mein­sam ein­sam mit Liz Tay­lor an Dou­ble Malt. Dann hin­über zur grü­nen Insel und ab in die De­li­ri­en des Joyce oder Beckett und ihren in den Ne­beln der mensch­li­chen Exis­tenz umher tap­pen­den Bloom oder Mal­loy. Nebel, gegen die Sean Scul­ly seine mäch­ti­gen Drei­klän­ge setzt. Mauer große Bil­der aus far­big über- und un­ter­mal­ten Längs- und Qu­er­strei­fen, Klän­ge wie Ne­bel­hör­ner, die tu­tend von der iri­schen See her­über dröh­nen.

Arme Ne­bel­län­der, hin­ter dem Dra­chen­fels wird es leich­ter. Die Bau­wei­se der Häu­ser, die Sit­ten, die Spei­sen. Die Far­ben be­kom­men Schmelz und selbst die Nebel sind hier vom Son­nen­licht ganz Ries­ling gol­den und ohne diese Loden schwe­re Düs­ter­keit. In den Flus­stä­lern ist es schon fast me­di­ter­ran, Wäl­der von Stein­ei­chen und Maro­nen und Duft von ver­go­re­nen Trau­ben.

Chri­sto ist ein­deu­tig ein Süd­län­der. Zwar nutzt auch er Ver­hül­lun­gen, aber er spielt damit we­ni­ger den Nebel als die Eva, die es ver­steht, durch Ver­de­cken und Ver­ste­cken ein son­ni­ges Flui­dum zu er­zeu­gen und Phan­tasi­en zu we­cken.

Und In­ge­borg Bach­mann schenk­te uns die Ma­xi­me: nichts Schö­ne­res unter der Sonne, als unter der Sonne.

Aber nicht alles von der Sonne Be­schie­ne­ne muss nun auch er­freu­en, da ließe man man­ches doch lie­ber im Dunklen und das wa­bern­de Weiß gäbe zu­min­dest den Raum für die ei­ge­ne Regie in Il­lu­si­on und Traum. Nicht alle Land­schafts­bil­der ent­ste­hen vor der Land­schaft und jeder Brei­ten­grad dreht sich in die Nacht. Sogar die weis­sa­gen­de Pries­te­rin des Son­nen­got­tes Apol­lon, die Py­thia, saß über einer Spal­te, aus der Nebel stie­gen, die nicht nur die Augen trüb­ten, son­dern auch den Ver­stand, so dass sie mehr als an­de­re sehen konn­te.

Der alte Streit um Nebel und Nacht oder das Klare und Son­nen­haf­te und um den hö­he­ren Rang des Got­tes Dio­ny­sos oder des Got­tes Apol­lon, des Nor­dens oder des Sü­dens, er bleibt un­ent­schie­den

Man hat lange ge­rät­selt, wie die Wi­kin­ger, die Grön­land be­sie­del­ten, in die­sen Ne­bel­wel­ten na­vi­gie­ren konn­ten und erst kürz­lich hat man dort ein Mi­ne­ral ent­deckt, dass das Licht der­art fo­kus­siert, dass man damit auch im tiefs­ten Nebel den Stand der Sonne be­stim­men kann, den Dop­pel­spat. Ich ziehe da ein Glas Ries­ling vor, des­sen bau­chi­ge Run­dung das Licht wie in einer Schus­ter­ku­gel sam­melt und ge­bün­delt wie­der ab­strahlt. Gol­de­nes Licht, ich lenke es auf jeden be­lie­bi­gen Ge­gen­stand um ihn zu er­hel­len und halte den Kurs im tiefs­ten Nebel. Ahoi.

 

Die­ter Laue