Blau vor Kälte?

KunstDesign_25_23122013

Eine blaue Pe­ri­ode, die über die kalte Jah­res­zeit hin­aus Be­stand hat und die vor­herr­schen­de mo­no­chro­me Far­big­keit in den Vor­der­grund stellt.
Der Win­ter 1901 muss be­son­ders kalt ge­we­sen sein. Die Ate­liers im Ba­teau La­voir in Paris waren zugig, die Fens­ter morsch und un­dicht und Dop­pel­ver­gla­sung war nicht üb­lich. Pi­cas­so wird also wie alle üb­ri­gen Be­woh­ner auch ge­fro­ren haben. Dass er aber Tau­sen­de von sei­nen Zeich­nun­gen ver­brannt hätte, um sei­nen Raum im Ate­lier­haus ein wenig an­zu­wär­men, das be­zwei­fel­te schon sein Dich­ter­freund Jaime Sa­b­ar­tes.

Über­haupt Ate­lier­haus, das hört sich toll an. Aber der Kunst­händ­ler Henry Kahn­wei­ler gab uns eine Schil­de­rung davon: Über­all Rat­ten. Die Ta­pe­ten hin­gen von den Wän­den. Sie hat­ten sich von der Feuch­tig­keit ge­löst und hin­ter den Blechö­fen türm­ten sich rie­si­ge La­va­ber­ge aus­ge­brann­ter Asche. Zudem wird man in den Zwi­schen­räu­men der Bo­den­bret­ter die Schrit­te und Trit­te der Mit­be­woh­ner ge­hört haben. Von Chaim Sou­ti­ne, André Dérain und den un­ge­zähl­ten Ver­ges­se­nen und das Ge­ze­ter zan­ken­der Paare er­klang von Stock­werk zu Stock­werk. Im Mu­se­um Of Mo­dern Art, so nehme ich an, ist es still, sehr still und gut be­heizt und leise flüs­tern­de Paare ste­hen vor den Gauk­lern, Ar­tis­ten, Müt­tern, Rand­fi­gu­ren, die Pi­cas­so zu jener Zeit gerne ins Bild setz­te.

Pi­cas­so war 1901 ei­ligst aus Bar­ce­lo­na und von sei­ner Fa­mi­lie, wohin ihn die Geld­not ge­trie­ben hatte, nach Paris zu­rück­ge­kehrt. Sein Freund Ca­sa­ge­mas hatte sich aus Lie­bes­kum­mer im Lokal Les Quat­tre Chats vor den Augen der An­ge­be­te­ten in den Kopf ge­schos­sen und ge­tö­tet. Pi­cas­so mach­te sich Vor­wür­fe, dass er dem Freund hätte bei­ste­hen kön­nen, wenn er vor Ort ge­we­sen wäre. Er malte den Toten ganz in Blau mit der roten Wunde an der Schlä­fe: es ist das erste Bild sei­ner be­rühm­ten blau­en Pe­ri­ode.

Noch ein wei­te­rer Grund für seine ra­sche Rück­kehr nach Paris dürf­te aber ge­we­sen sein, dass der be­rühm­te Kunst­händ­ler Vol­lard ihm, dem völ­lig Un­be­kann­ten, eine Ein­zelaus­stel­lung an­ge­bo­ten hatte. Das war so un­glaub­lich, dass er sich den Brief wohl von Freun­den hat wie­der und wie­der über­set­zen las­sen, um si­cher zu gehen, kei­ner Täu­schung zu er­lie­gen. Sein Fran­zö­sisch war noch schlecht, er hatte es sich auf den Stra­ßen und Märk­ten an­ge­eig­net.

An­ge­spornt malt Pi­cas­so bis zu drei Bil­der am Tag. Er ar­bei­tet im Ate­lier von Ca­sa­ge­mas, da dort die Miete be­zahlt ist. Er schläft auch in des­sen Bett und als die fa­ta­le Freun­din des Freun­des auf­taucht, be­gin­nen sie im blau­en Licht der Gas­lam­pe ein Ver­hält­nis mit­ein­an­der.

Es gibt eine Theo­rie, dass das Gas­licht über­haupt der ei­gent­li­che Grund für die blaue Pe­ri­ode ge­we­sen sei. Gas­licht ab­sor­biert die gel­ben Töne des Spek-trums, also auch Grün, Oran­ge, Ocker usw. Gas­licht und dazu viel­leicht einen Hut mit ver­steif­ter Krem­pe, um die bren­nen­den Ker­zen zu tra­gen und mit einem Spie­gel als Re­flek­tor an der Stirn­par­tie, so wie sich sein Lands­mann Goya por­trä­tiert hatte.

Blaue Bil­der set­zen in der Kunst­ge­schich­te spät ein. Das erste, fast aus­schließ­lich Blaue ist wohl Cas­par David Fried­richs „Die ge­schei­ter­te Hoff­nung“, auf dem das von den Eis­ber­gen der Re­stau­ra­ti­on ein­ge­schlos­se­ne, sym­bo­li­sche Schiff Hoff­nung end­lich zer­drückt wird. Die­ses späte Auftau­chen moch­te auch an dem da­mals na­he­zu un­be­zahl­ba­ren blau­en Farb­stoff ge­le­gen haben, aber es ist vor­nehm­lich ein phi­lo­so­phi­sches Pro­blem. Blaue Blu­men gab es ja schon immer, aber die blaue Blume ent­steht erst mit der Ro­man­tik.

Auch Pi­cas­sos blaue Pe­ri­ode ist die eines ro­man­ti­schen jun­gen Man­nes und die­ses Mit­lei­den wird spä­ter nie wie­der auf­tau­chen. Denn Pi­cas­so ist nicht nur Spa­nier, son­dern er stammt aus der Hoch­burg des spa­ni­schen Ma­chis­mo, aus An­da­lu­si­en. Und Ma­chis­mo, das ist Hoch­mut, Po­sie­ren und Selbstinsze­nie­rung von Kälte und die ty­pi­schen spa­ni­schen Kunst­for­men, der Stier­kampf und der Fla­men­co, sind trotz all ihres zur Schau ge­stell­ten Feu­ers hoch­mü­tig und kalt und all dies gilt auch für die meis­ten spa­ni­schen Künst­ler.

Ve­las­quez zeigt sich im Ge­mäl­de Las Me­ni­nas sonst un­sicht­bar im Dun­kel aus einem Spie­gel spä­hend wie das Auge Got­tes. Auch sein gna­den­lo­ser Gro­ßin­qui­si­tor, der in Be­griff ist, ein Bitt­ge­such zu ver­wer­fen, schaut mit­leid­los aus dem Ge­mäl­de. Zur­ba­rans er­starr­te, wie keim­freie Still­le­ben oder Dalis ver­rin­nen­de Zeit der sich de­for­mie­ren­den Uhren sind von die­ser zur Schau ge­stell­ten Kälte.

Das alles gilt auch für Pi­cas­sos zu Recht be­rühm­tes Bild Gu­er­ni­ca, das die Schre­cken des Bom­ben­krie­ges schil­dern will. Aber alles darin ist zwei­di­men­sio­nal. Der Be­trach­ter wird nicht mit­füh­lend in etwas hin­ein­ver­setzt. Gu­er­ni­ca löst weder Emo­tio­nen noch Be­trof­fen­heit aus, es ist so em­pa­thisch wie ein Az­te­ken­tem­pel oder eine ägyp­ti­sche Grab­kam­mer. Aber es ist ein krea­ti­ves Ge­wit­ter, das er auf einer Flä­che von ca. 3,5 x 8 Me­tern ab­brennt, ein ce­re­bra­les und ar­tis­ti­sches Nord­licht. Da­ge­gen spie­len die Nach­ge­bo­re­nen alle nur Luft­gi­tar­re.

Und diese Kälte hat nichts Skan­da­lö­ses. Auch die Kreu­zi­gun­gen sind in ihrer Dar­stel­lung ja an­fangs kalt, gleich­sam schmerz­frei. Sie be­die­nen ein Si­gnal im christ­li­chen Zei­chen­sys­tem: Chris­tus ist der Herr, auch am Kreuz. Er über­win­det den Tod. Das Blu­ti­ge und das Ver­re­cken und damit das Sä­ku­la­re des Zwei­fels kom­men erst mit der Re­naissance. Das Mit­ge­fühl wächst erst sehr spät und wie ein spär­li­ches Moos auf den Ecken und Kan­ten der Ge­schich­te. Und Spa­ni­en kennt keine Re­naissance: es ist ge­prägt von der mau­ri­schen Fremd­herr­schaft und der In­qui­si­ti­on und dem Männ­lich­keits­wahn des Ma­chis­mo.

Pi­cas­so wächst in einem Frau­en­haus­halt auf. Der Vater un­ter­weist ihn zwar in aka­de­mi­scher Ma­le­rei, aber da­nach sitzt er im Cafe und der Sohn zieht sich die ge­ball­te Auf­merk­sam­keit des weib­li­chen Haus­halts zu. Spä­ter kom­pen­siert er das viel­leicht durch das ste­ti­ge Aus­wech­seln sei­ner weib­li­chen Be­zugs­per­so­nen. Und mit jeder Frau än­dert er sei­nen Stil. Von 1901 an si­gniert er nicht mehr mit dem Al­ler­welts­na­men des Va­ters Ruiz son­dern mit dem der Mut­ter: Pi­cas­so. Seine Mut­ter, Schwes­tern und Tan­ten pro­phe­zei­en, dass er als Sol­dat ein Ge­ne­ral und als Pries­ter der Papst wer­den würde. Aber dass er als Maler ein Pi­cas­so wer­den soll­te, das konn­ten sie nicht ahnen.

 

Die­ter Laue