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Das ist der Rhyth­mus, wo jeder mit muss (Udo Lin­den­berg)

 

Ch­ar­me und Cha­ris­ma wur­zeln beide im grie­chi­schen Wort „char“, was so viel wie Ge­schenk be­deu­tet. Das leuch­tet ein, man hat das ein­fach oder eben nicht. Das Cha­ris­ma ist aber eher an In­hal­te ge­bun­den, bin ich an­de­rer Mei­nung, so wird es mich kaum er­rei­chen. Der Ch­ar­me aber ist ein Ver­zau­bern und auf das Füh­len an­ge­legt und je nach dem kann man dann Ha­rald Schmidt, Helge Schnei­der oder Gün­ther Jauch als char­mant emp­fin­den. John Wayne, Jean-Paul Bel­mondo und Lino Ven­tu­ra kön­nen ihn aus­strah­len, Eddie Arent und Klaus Kin­ski eher nicht, aber wer weiß, Cam­pi­no und Bela B ohne Frage und was sich über den Ch­ar­me der Frau­en sagen ließe, dafür reicht der Platz im Heft nicht aus. 

 

Ch­ar­me be­zau­bert, er ist ein Gut­ha­ben, das keine Nei­der son­dern Freun­de schafft, eben­so wenig möch­te man einer Blume ihr Blü­hen nei­den. Er soll sogar über den Stress er­ha­ben sein und so er­zählt man von Jo­han­nes Bück­ler, er habe an einem Mon­tag in Mainz das Scha­fott be­stie­gen, sich zur Menge ge­dreht und von oben herab ver­kün­det: „Die Woche fängt ja gut an…“

Dass die­ser ci­ne­as­tisch äu­ßerst wir­kungs­vol­le Auf­tritt im Spiel­film von Hel­mut Käut­ner fehlt, hat seine Grün­de: Curd Jür­gens als Schin­der­han­nes gibt das nicht her. Die­ses Pol­tern­de, Laute und Eitle des jo­via­len Typs hat nichts von der Un­be­rühr­bar­keit des Ch­ar­mes, die aus der Le­gen­de spricht. Ch­ar­me ist eben nicht diese Schul­ter klop­fen­de Schaum­schlä­ge­rei. Er ver­strömt eher das flüch­ti­ge Flui­dum des Un­der­state­ments: man hat es nicht nötig. Er ist eine Ener­gie, die sich ver­mehrt, indem sie sich ver­schenkt, ist kom­mu­ni­ka­tiv und braucht kein Pub­li­kum. Er ist vor allem ein Sein ohne Rei­bungs­ver­lus­te und das Ge­gen­teil von Er­fah­rung: ein nai­ves in sich selbst und der Welt Auf­ge­ho­ben sein. Des­halb fin­den wir ihn am ehe­s­ten bei den Kin­dern.

Jedes Kind ist der na­tür­li­che Mit­tel­punkt der Welt, die Erde dreht sich um es und es glaubt fest an den Weih­nachts­mann. Die­ses worin auch immer Auf­ge­ho­ben sein  ist ent­waff­nend. Für das Kind ist alles ein Du. Men­schen, Tiere, Pflan­zen, Stei­ne und der Herr Prä­si­dent sind ein Du, der liebe Gott und alle Ge­s­pens­ter auch. Seine Ab­sichts­lo­sig­keit und Nai­vi­tät ma­chen es un­be­küm­mert, denn was keine Ab­sich­ten hat, das braucht sich auch nicht zu küm­mern.

 

So kann Pi­cas­so in sei­ner Ra­die­rung „Mi­no­tau­ro­ma­chie“ das Kind mit einer Kerze in der Hand dem Herrn der Un­ter­welt ent­ge­gen­stel­len, ohne dass dies bei uns ein brei­tes Grin­sen her­vor­ruft. Man ist be­reit, das zu glau­ben, dass die­ses Mon­strum wie ge­bannt ver­harrt: hier ge­bie­tet ein hö­he­rer Rang Ein­halt. Im Bild „Mäd­chen mit Taube“, lässt Pi­cas­sos das Kind ein ge­fie­der­tes Bün­del Leben an seine Brust drücken und das Tier ruht un­be­irr­bar und weiß sich ge­bor­gen. Etwas Ver­gleich­ba­res nur mit um­ge­kehr­ten Vor­zei­chen soll bei der Del­phin The­ra­pie ge­sche­hen. Jeder, der in etwa von mei­nem Jahr­gang ist, kennt den Del­phin Flip­per und wie er un­ver­wüst­lich guter Laune und die­sem stän­di­gen Del­phin­grin­sen im war­men Was­ser her­um­planscht. Aber diese Mee­res­s­äu­ger sol­len be­schä­dig­ten mensch­li­chen Babys tat­säch­lich etwas zu geben zu haben, was die­sen Neu­ge­bo­re­nen kein mensch­li­cher The­ra­peut zu geben ver­mag. Ver­mut­lich ist es ein An­thro­po­mor­phi­sie­ren, die­sen Tie­ren Ch­ar­me zu zu­schrei­ben, aber mal ganz ehr­lich: Flip­per hat Ch­ar­me und er bü­gel­te damit die ganze Serie aus.

 

Auch „der klei­ne Lord“ Ce­d­ric hat Ch­ar­me und er ver­ab­reicht sei­nem Groß­va­ter damit eine wahre Del­phin­kur, denn Ch­ar­me ist eine en­do­ge­ne, sich aus sich selbst näh­ren­de Größe und die Anmut wäre seine Ent­spre­chung im phy­si­schen Be­reich. Und wie der Ch­ar­me zeigt sich die Anmut bei jedem An­lass, man kann ein­fach nicht an­ders, auch wenn die Del­phi­ne na­tür­lich vom Auf­trieb des war­men Was­sers pro­fi­tie­ren.

 

Die Beo­b­ach­tung, dass der Be­trach­ter stets mit dem Ge­gen­stand der Be­trach­tung ver­bun­den ist und ihn formt und dass es somit keine iso­lier­te Po­si­ti­on gibt, brach­te Hei­sen­berg vor na­he­zu hun­dert Jah­ren als „Un­schär­fe­re­la­ti­on“ den No­bel­preis für Phy­sik. In unser All­tags­ver­hal­ten hat sich diese Er­kennt­nis noch nicht so ganz in­te­griert. Wir glau­ben uns wei­ter ge­trennt und schlie­ßen doch  lie­ber eine Rechts­schutz-Ver­si­che­rung ab. Aber das ist nur die Stra­fe für un­se­ren Man­gel an Ch­ar­me und das Feh­len von Le­bensan­mut. Reiz, Zau­ber, Flair und all diese an­de­ren so wir­kungs­vol­len wie un­greif­ba­ren Ei­gen­schaf­ten, mit denen das Wör­ter­buch der Syn­ony­me den Ch­ar­me um­schreibt, feh­len. In Flirt­schu­len ist das nicht zu er­ler­nen und auch das Gera­derücken von De­fi­zi­ten in einer The­ra­pie kann das nicht her­stel­len. Ch­ar­me ist ein Ta­lent, eine Be­güns­ti­gung der Natur und damit ziem­lich un­ge­recht und wer ihn hat, das zeigt sich schon daran, wie sich der Fuß auf das Pflas­ter setzt: es ist ein Groo­ve, ein Rhyth­mus, wo jeder mit muss. Ch­ar­me muss nicht wol­len, er kann es ein­fach und da er immer außer Kon­kur­renz läuft, er­zeugt er auch keine.

  Die­ter Laue