Wir trin­ken auf die guten Vor­sät­ze.

KunstDesign_24_23112013

Basta. Genug jetzt. Das be­rühm­te Macht­wort spre­chen und sei­nen Stand­punkt deut­lich ma­chen. Aber jeder Stand­punkt braucht auch eine Reich­wei­te und wenn die nicht hin­reicht, wenn das Macht­wort weder Wort mäch­tig noch ein Wort der Macht ist, dann werde ich den Stand­punkt ir­gend­wann kor­ri­gie­ren müs­sen. Mehr oder we­ni­ger öf­fent­lich, denn mit dem Basta bin ich aus mei­ner De­ckung ge­gan­gen…

Ein Basta braucht also Mut und Rea­lis­mus oder aber die Fä­hig­keit zum Spiel mit dem Bluff. Und so ist man­ches tö­nen­de Basta nichts wei­ter als ein Thea­ter­don­ner, doch die ge­bluff­te Welt nimmt es für wahr und fügt sich. Auf­fäl­lig wird das oft erst aus der Di­stanz einer his­to­ri­schen Be­trach­tung.

In der An­la­ge his­to­ri­scher Fes­tungs­städ­te wie Jü­lich konn­te man sich auf den Bluff al­lein nicht ver­las­sen und so fin­den sich dort eine Menge von Stand­punk­ten mit klar de­fi­nier­ten Reich­wei­ten. Er­höh­te Stand­punk­te, von denen von den Mün­dun­gen der Ka­no­nen über das de­ckungs­freie Ge­län­de der Gla­cis hin­weg eine ein­deu­ti­ge Gren­ze ge­zo­gen wurde: die Ein­schlä­ge der Ge­schos­se. Ihr bis hier­hin und nicht wei­ter, eine nicht nur sprich­wört­lich rote Linie.

Lei­der wirkt jedes Sys­tem von Stand­punk­ten immer auch auf sich selbst zu­rück und ein Leben in­ner­halb von Fes­tungs­mau­ern er­zeugt leicht das Ge­fühl einer Pa­ra­noia von per­ma­nen­tem Be­la­ge­rungs­zu­stand. Man gräbt sich noch tiefer ein und neue Stand­punk­te wer­den dann viel­leicht erst auf Rui­nen er­rich­tet. Denn: schlech­te An­ge­wohn­hei­ten kann man nicht ein­fach aus dem Fens­ter wer­fen, man muss sie Stufe für Stufe die Trep­pe hin­un­ter boxen, das wuss­te schon Mark Twain, und Stufe für Stufe, das dau­ert. Und wenn dann ein­mal ein neuer Stand­punkt zur Dis­kus­si­on steht, stellt sich die Frage, ob man darin er­neut der Be­fes­ti­gung oder doch lie­ber ein­mal der Be­weg­lich­keit den Vor­rang ein­räumt.

Das Ver­hält­nis von Be­fes­ti­gung und Be­weg­lich­keit ent­spricht im Geis­ti­gen dem von Kom­pe­tenz und Neu­gier und ohne eine ge­wis­se Kom­pe­tenz ist das Neue letzt­lich gar nicht zu er­ken­nen. Nur ver­an­lasst sie uns auch gerne zu einem Schus­ter bleib bei dei­nen Leis­ten… Trotz­dem zol­len wir dem kla­ren Stand­punkt un­se­ren Re­spekt, sogar einem uns frem­den, denn das Basta hat sei­nen ei­ge­nen Glanz. Und die­ser Glanz ist das Agens aller be­kann­ten Bluffs und ein Schus­ter in einer Of­fi­zier­s­uni­form kann damit zum Haupt­mann von Kö­pe­nick avan­cie­ren, wenn er ge­nü­gend per­sön­li­che Reich­wei­te be­sitzt.

Auch in der Ma­le­rei ist die Linie ein aus der De­ckung tre­ten, lie­ber ein biss­chen mit den Far­ben spie­len. In der Mo­der­ne, wo die vir­tuo­se Linie zum ers­ten Mal ohne die Ein­bin­dung in Farbe und At­mo­sphä­re auf­taucht, of­fen­ba­ren sich durch diese Be­frei­ung auch ihre Meis­ter: Ma­tis­se, Beck­mann oder Pi­cas­so und sie bril­lie­ren mit Li­ni­en, die bei ge­nia­len Zeich­nern wie Raf­fa­el vom Auge erst müh­sam aus dem Drei­di­men­sio­na­len her­aus ge­löst wer­den müs­sen.

Im Film „Das Mys­te­ri­um Pi­cas­so“ zeich­net die­ser für den Be­trach­ter un­sicht­bar auf der Rück­sei­te eines blin­den, aber trans­pa­ren­ten Trä­gers und die Zeich­nung er­scheint dar­auf wie ein Me­ne­te­kel. Der ver­sinn­bild­lich­te, geis­ti­ge Pro­zess, ganz Idee, reine, im­ma­te­ri­el­le, schöp­fe­ri­sche Sub­stanz. Ein Me­ne­te­kel, das alle Be­fes­ti­gun­gen un­se­rer Vor­be­hal­te über­win­dend auf der in­ners­ten Wand der Zi­ta­del­le er­scheint.

Aber ge­ra­de am Bei­spiel Pi­cas­sos wird auch ein allen Li­ni­en ty­pi­sches De­fi­zit deut­lich: mit der kleins­ten Ver­än­de­rung des Stand­punkts er­gibt sich eine neue Linie, Stand­punkt und Linie sind an­ein­an­der ge­fes­selt, wie das Ob­jekt und sein Schat­ten. Vor die­sem Di­lem­ma steht der 25 jäh­ri­ge Pi­cas­so, der alles zeich­nen kann, nichts mehr zu ler­nen hat und ge­ra­de da­durch vor die­ses Pro­blem ge­führt wird.

Sein Lö­sungs­ver­such ist der ana­ly­ti­sche Ku­bis­mus. Also eine Si­mul­tan­dar­stel­lung von zwei ver­schie­de­nen Stand­punk­ten aus und damit der Ein­bruch von Re­la­ti­vi­tät in die Welt un­se­res vom Stand­punkt her be­stimm­ten Se­hens. Für die Ma­le­rei ist das von ähn­li­cher Be­deu­tung wie Ein­steins Theo­rie für die Phy­sik. Das hat na­tür­lich eine Vor­ge­schich­te und Rim­baud ver­kün­dig­te ei­ni­ge Jahre frü­her sein Ma­ni­fest des Re­la­ti­ven, sein Ich ist ein an­de­rer. Cézan­ne führt die Ma­le­rei in die Ana­ly­se, van Gogh führt sie in die Emo­ti­on, Pi­cas­so be­dient sich bei bei­den, mit Er­folg. Wenig spä­ter aber malt er üp­pi­ge Hol­län­de­rin­nen, die in Zen­tral­per­spek­ti­ve über die Pol­der sprin­gen. Er hatte nicht den Stand­punkt son­dern die Frau ge­wech­selt. Das war auch kein Bluff, das war Pi­cas­so. Herr­schen­de Stand­punk­te bil­den his­to­risch eine spe­zi­fi­sche Kul­tur des Den­kens her­aus. Das Abend­land ist der Ort des mög­li­chen tä­ti­gen Ein­griffs, das Mor­gen­land der dul­den­den Ein­sicht. Aber im Köln der 80er Jahre färb­ten sich ganze Stra­ßen­zü­ge von Oran­ge über Rot bis Rosa mit den Jün­gern einer In­di­schen Heils­leh­re, sie gaben das Ego auf und dienten, wäh­rend ihr Guru sich ge­ra­de den so­und­so­viel­ten Ca­dil­lac vor seine Villa im Ashram stell­te. Ein ge­konn­ter Bluff.

Im ost­asia­ti­schen Mu­se­um hin­ge­gen konn­te ich beim Be­such der Aus­s­tel­lung „Der chi­ne­si­sche Holz­schnitt nach der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“ Ge­gen­tei­li­ges er­le­ben. Dort waren es die in Holz ge­schnit­te­nen, la­chen­den Bäue­rin­nen mit der Ma­schi­nen­pis­to­le über der Schul­ter statt an­mu­tig ba­den­der Kra­ni­che, ju­beln­de Auf­mär­sche unter dem roten Stern statt der Me­di­ta­ti­on im Bam­bus­hain, die Pha­lanx rol­len­der Trak­to­ren gegen die auf­ge­hen­de rote Sonne, in denen sich ori­en­ta­li­sches Kis­met gegen ok­zi­den­ta­les Basta tausch­te.

Bluff und Basta, sie haben kei­nen an­de­ren Ort als uns und so sägen wir mun­ter an dem Ast, auf dem wir sit­zen, bis wir end­lich auf der Erde an­ge­kom­men sind. Die Schlan­ge rin­gelt sich vom Baum der Er­kennt­nis, aber wir sind noch un­reif und der Apfel ist es auch, wie Ernst Bloch das so schön sagt…

Und über­haupt, wozu auf ein­mal diese ganze Auf­re­gung, Basta, neue Stand­punk­te? Ach ja, das Jahr nä­hert sich dem Ende, Zeit für einen Rück­blick, ich hatte mir doch so viel vor­ge­nom­men. Also beim nächs­ten Mal… Wir er­he­ben das Glas und trin­ken auf die guten Vor­sät­ze – we­ni­ger Trin­ken war wohl auch dar­un­ter.

 

Die­ter Laue