geschichten_herzog_februar_2017

in Jü­lichs Ver­gan­gen­heit

 

Das Rhein­land ohne Kar­ne­val wäre nur schwer vor­stell­bar. Die Ak­ti­vi­tä­ten rund um die „5. Jah­res­zeit“ sind tief im rhei­ni­schen Brauch­tum ver­wur­zelt. Das gilt ins­be­son­de­re für die Um­zü­ge, die auch in Jü­lich eine lange Tra­di­ti­on haben. Sinn­fäl­lig wird dies bei der Be­trach­tung des hier bei­ge­ge­be­nen Fotos, das einen Mo­tiv­wa­gen beim Jü­li­cher Kar­ne­val im Jahr 1911 zeigt. Dass der Kar­ne­val auf die Stra­ße ge­tra­gen wurde, galt lange Zeit je­doch als ver­pönt. Vor allem der un­or­ga­ni­sier­te Stra­ßen­kar­ne­val war der Ob­rig­keit ein Dorn im Auge. Um­zü­ge be­durf­ten der Ge­neh­mi­gung und stan­den unter stren­ger po­li­zei­li­cher Auf­sicht. Damit woll­te man ver­hin­dern, dass die Ob­rig­keit bzw. der Staat und seine Re­prä­sen­tan­ten in un­ge­bühr­li­cher Weise mit den Mit­teln des Kar­ne­vals kri­ti­siert wür­den. Seit 1838 führ­te die ent­spre­chen­de po­li­zei­li­che Ver­ord­nung aus, dass Mas­ke­ra­den nicht „ge­gen die guten Sit­ten, öf­fent­li­che Ach­tung, Re­li­gi­on, ob­rig­keit­li­che oder Pri­vat­per­so­nen be­lei­di­gen­de oder auch nur be­züg­lich sein“ dürf­ten.

1834 hatte der Po­li­zei­se­kre­tär Jo­seph Fah­nen­schrei­ber, der da­mals 69 Jahre alt war, an die kö­nig­li­che Re­gie­rung in Aa­chen be­rich­tet: „Es hat, so lange ich mich ent­sin­nen kann, von jeher, so wohl in pfäl­zi­scher (d.h. vor 1794) als fran­zö­si­schen Zeit (d.h. nach 1794), die Kar­ne­vals­lust­bar­keit in Jü­lich be­stan­den, und war mit öf­fent­li­chen Auf­zü­gen auf den Stra­ßen be­glei­tet. Eines die­ser Auf­zü­ge er­in­ne­re ich mich zur Zeit der chur­pfäl­zi­schen Re­gie­rung noch sehr genau. Es wurde ein großes Schiff durch die Stra­ßen ge­führt, wel­ches die haupt­säch­lichs­ten Ei­gen­schaf­ten eines See­fah­rers zeig­te und mit Ma­tro­sen be­mannt war. … Zur fran­zö­si­schen Zeit waren die öf­fent­li­chen Kar­ne­vals Auf­zü­ge sehr haeu­fig, wel­ches sich die jetzt le­ben­de Ge­ne­ra­ti­on all­zu­mal er­in­nern wird.“

Von einem „s­pon­ta­nen“ Umzug in fran­zö­si­scher Zeit be­rich­tet der Pri­vat­leh­rer Jo­hann Krantz in sei­nen Auf­zeich­nun­gen für das Jahr 1798: „Den 21. Fe­bru­ar (Ascher­mitt­woch) sahen wir eine Be­ge­ben­heit, die auch der äl­tes­te Bür­ger nie ge­se­hen hatte. Bür­ger, die die drei Fast­nachts­ta­ge recht toll zu­ge­bracht hat­ten, lie­ßen sich ein­fal­len, die Fast­nacht zu be­gra­ben. Man würde die­sen Streich ihnen haben durch gehen las­sen, so sie die Ob­rig­keit und Geist­lich­keit dabei ge­schont hät­ten. Die Ge­schich­te ver­hält sich so: unter dem Vor­ritt eines mas­kier­ten Bür­gers, ge­klei­det als Ba­tail­lons­chef … er­schi­en ein Lei­chen­zug; eine Larve in einem schwar­zen Man­tel trug eine La­ter­ne vor­aus, die­ser folg­te eine an­de­re in einem schwar­zen Man­tel, die die kur­fürst­li­che Krone an eine Mist­ga­bel ge­hef­tet trug. Auf dem schwar­zen Tuch des Sargs war auf deutsch und fran­zö­sisch ge­schrie­ben: Be­gräb­nis des Des­po­tis­mus. Dem Sarg folg­ten zwei Lar­ven mit dem Ha­bi­ten der hie­si­gen zwei Non­nen­k­lös­ter ge­klei­det; end­lich meh­re­re Lar­ven, die ver­schie­de­ne Mit­glie­der der Stadt­o­b­rig­keit so ge­schick­lich vor­stell­ten, daß man aus ihren Ge­bär­den die Per­so­nen wohl er­ken­nen konn­ten, die sie vor­stell­ten. Der Zug durch­wan­der­te die Stra­ßen unter dem La­chen und Nach­lau­fen einer Menge Men­schen. End­lich wurde auf dem Markt­platz ge­tanzt…“. Letz­te­res sei auch dem Jü­li­cher Ken­ger­zoch am dies­jäh­ri­gen Kar­ne­vals­sonn­tag ge­wünscht: La­chen und viele Be­su­cher.

 

Guido von Büren