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Der Hof Her­zog Wil­helm V. und die Hu­ma­nis­ten

 

Her­zog Wil­helm V. von Jü­lich-Kleve-Berg umgab sich, wie schon sein Vater Her­zog Jo­hann III., mit ge­lehr­ten Män­nern, die seine engs­ten Ver­trau­ten waren. Zu nen­nen ist hier Kon­rad He­res­bach, der als Er­zie­her und Rat großen Ein­fluss auf die Po­li­tik des Her­zogs hatte. Den größ­ten­teils bür­ger­li­chen Räten Wil­helms V., die durch den Hu­ma­nis­mus ge­prägt waren, stand nichts we­ni­ger als eine um­fas­sen­de Re­form von Staat und Ge­sell­schaft vor Augen. Aus der Aus­ein­an­der­set­zung mit an­ti­ken (grie­chi­schen und rö­mi­schen) Tex­ten ent­stand eine Bil­dungs­be­we­gung, die den Men­schen als Maß der Dinge ansah und darum spä­ter Hu­ma­nis­mus ge­nannt wurde. Die aus dem Stu­di­um der An­ti­ke ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se und vor allem ethi­schen Grund­sät­ze soll­ten ge­nutzt wer­den, um den Men­schen durch eine ent­spre­chend hu­ma­nis­ti­sche Bil­dung zu ver­edeln.

Der von den her­zog­li­chen Räten an­ge­streb­te früh­mo­der­ne Fürs­ten­staat fin­det sei­nen Aus­druck in zahl­rei­chen Ge­set­zen und Ver­ord­nun­gen. Sie hat­ten das Ziel, das Leben der Un­ter­ta­nen zu re­geln und zu nor­mie­ren. Dies wurde nicht als Akt fürst­li­cher Will­kür ver­stan­den, son­dern ge­sch­ah ganz im Ge­gen­teil zu „Wohl­fahrt“ und „ge­mei­nen Nut­zen“, sah man doch in einer mo­ra­lisch ein­wand­frei­en Le­bens­füh­rung die Grund­la­ge einer guten Ord­nung und damit Basis des in­ne­ren Frie­dens des Staa­tes. Dies wurde mit einem Tu­gend­turm ver­sinn­bild­licht dar­ge­stellt. Der Tu­gend­turm wurde der „Rechts­ord­nung und Re­for­ma­ti­on“ Her­zog Wil­helms V. von 1555 in der Aus­ga­be von 1565 erst­mals bei­ge­ge­ben. Ein Rund­turm mit Zin­nen­kranz trägt an sei­ner Front eine Kar­tu­sche mit dem Wap­pen der Her­zog­tü­mer Jü­lich-Kleve-Berg.

Die Kar­tu­sche wird von weib­li­chen Al­le­go­ri­en der MISERICORDIA (Barm­her­zig­keit) und der VERITAS (Wahr­heit) flan­kiert. Zwei wei­te­re weib­li­che Al­le­go­ri­en ste­hen auf dem Turm und gehen mit of­fe­nen Armen auf­ein­an­der zu: Es sind IVSTITIA (Ge­rech­tig­keit) und PAX (Frie­den). Am So­ckel des Tur­mes fin­det sich die Ab­kür­zung „Psal. 84“. In Psalm 84 grie­chi­scher Zäh­lung (ent­spricht Ps. 85,11) heißt es: „Es be­geg­nen ein­an­der Huld und Treue (das sind Barm­her­zig­keit und Wahr­heit), Ge­rech­tig­keit und Frie­den küs­sen sich“ und wei­ter (85,13): „Auch spen­det der Herr dann Segen, und unser Land gibt sei­nen Er­trag.“

Die Fol­gen einer hu­ma­nis­ti­schen Herr­schaft­spra­xis sind also Fülle und Wohl­stand für das Land, hier für die durch den Turm sym­bo­li­sier­ten Her­zog­tü­mer Jü­lich-Kleve-Berg unter der Re­gent­schaft Wil­helms V.

 

Guido von Büren