herzog_gechichten_april_2017_abb_webEin elen­der Som­mer und seine Fol­gen

 

Vor 200 Jah­ren herrsch­te im Jü­li­cher Land – und nicht nur dort – eine be­droh­li­che Le­bens­mit­tel­knapp­heit.  1816 war der Som­mer aus­ge­fal­len, so­dass die Ern­teer­trä­ge äu­ßerst ge­ring ge­we­sen waren. Der Jü­li­cher Pri­vat­leh­rer Jo­hann Krantz hielt in sei­nem Ta­ge­buch für das Jahr 1817 fest: „Ach in un­se­rer Ge­gend war die Not groß, al­lein, die­sel­be ent­stand nicht so­wohl aus wirk­li­chem Man­gel an Frucht­vor­rat als viel­mehr durch die teuf­li­chen Knif­fe der Korn­wu­che­rer, die allen Korn­vor­rat auf­spei­cher­ten und hart­her­zig zu­se­hen konn­ten, dass der är­me­re Ne­ben­mensch mit Weib und Kin­der am Hun­ger­tuch nagte.“ Die Si­tua­ti­on ent­spann­te sich erst, als der preu­ßi­sche König Fried­rich Wil­helm III. Ge­trei­de in Russ­land auf­kau­fen ließ und die­ses im Juli 1817 im Rhein­land ein­traf. In är­me­ren Re­gio­nen war die Si­tua­ti­on noch be­drücken­der als in Jü­lich. Die vom preu­ßi­schen König ein­ge­setz­te Re­gie­rungs­kom­mis­si­on be­rich­te­te aus der Eifel: „Der größ­te Teil der Be­völ­ke­rung in der tie­fen Eifel schleicht jetzt umher mit ein­ge­schwun­de­nen klei­nen Augen, hoh­len ein­ge­fal­le­nen Wan­gen … un­fä­hig zur Ar­beit … den Seu­chen ent­ge­gen­se­hend.“

Jo­hann Krantz ver­trau­te ganz auf Gott bei der Über­win­dung der Krise. So spricht er denn davon, dass „…Gott, der die Wun­den, die er schlägt, zu hei­len weiß…“. Als im Au­gust 1817 die Ernte gut aus­fällt, ju­bi­liert er: „…die Güte Got­tes gab den Men­schen wie­der so viel, dass die Ge­fahr, für Hun­ger ster­ben zu müs­sen, gänz­lich ver­schwand…“. Im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis hat­ten sich die Hun­ger­jah­re 1816/1817 tief ein­ge­gra­ben, wie man in den 1863 ab­ge­fass­ten Le­bens­er­in­ne­run­gen Jo­hann Wil­helm Schir­mers sehen kann. Von dem spä­ter be­rühmt ge­wor­de­nen Land­schafts­ma­ler Schir­mer stam­men aus den frü­hen 1820er-Jah­ren ei­ni­ge An­sich­ten sei­ner Hei­mat­stadt Jü­lich. In die­sen wogt das gold-gelbe Ge­trei­de auf den Fel­dern vor der Stadt. Nichts deu­tet in die­ser Idyl­le dar­auf hin, wie fra­gil die Ver­sor­gungs­zu­stän­de lange Zeit im 19. Jahr­hun­dert waren.

Was die Men­schen in Eu­ro­pa 1816/1817 nicht wis­sen konn­ten, war, dass sie Opfer einer großen Na­tur­ka­ta­stro­phe ge­wor­den waren. Im April 1815 war auf der in­do­ne­si­schen Insel Sum­ba­wa der Vul­kan Tam­bo­ra aus­ge­bro­chen. Gute zehn Tage stieß der Vul­kan ge­wal­ti­ge Aschen­men­gen in die At­mo­sphä­re. Diese sorg­ten, nach­dem sie sich ent­spre­chend ver­teilt hat­ten, für eine Ab­sorp­ti­on der Son­nen­strah­len und damit welt­weit für einen deut­li­chen Tem­pe­ra­tur­rück­gang. Hinzu kamen lang- an­dau­ern­de Re­gen­fäl­le. Um es mit den Wor­ten von Jo­hann Krantz zu sagen: „Der Som­mer war nicht ein­mal Herbst zu nen­nen…“. Die Fol­gen waren für die Men­schen ka­ta­stro­phal.

Guido von Büren