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Was ich noch sagen woll­te…

 

Manch­mal ist das ja so eine Sache mit der Kürze. Also mit der, die „eine (ver­gleichs­wei­se) ge­rin­ge räum­li­che Aus­deh­nung, Länge in eine Rich­tung auf­weist“ und somit „in ge­rin­ger Ent­fer­nung von etwas“ meint. Oder auch mit der an­de­ren, die „eine (ver­gleichs­wei­se) ge­rin­ge zeit­li­che Aus­deh­nung, Dauer auf­weist“ und somit „in ge­rin­gem zeit­li­chen Ab­stand von etwas“ meint. Der wich­tigs­te Teil die­ser De­fi­ni­tio­nen scheint mir das Wort „ver­gleichs­wei­se“ zu sein, denn na­tür­lich sind die Ent­fer­nung oder die Dauer von etwas re­la­tiv.

 

Das Wort „kurz“ stammt ur­sprüng­lich aus den Mit­tel­hoch­deut­schen und ist aus dem la­tei­ni­schen cur­tus ent­stan­den – was ver­kürzt, ge­stutzt, ver­stüm­melt be­deu­tet. Wenn etwas kurz ist, meint es also immer die klei­ne­re Ver­si­on von etwas Grö­ße­rem und sagt damit ei­gent­lich nichts dar­über aus, ob es dann bes­ser oder schlech­ter ist. Also wenn der Rasen im Gar­ten kurz ge­mäht ist, kann das Auge das toll fin­den – der lange Halme lie­ben­de Ma­ri­en­kä­fer eher nicht. Wer als Schü­ler noch nicht er­le­dig­te Haus­auf­ga­ben er­le­di­gen muss, dem ist selbst die große Pause zu kurz – wer schüch­tern auf dem Pau­sen­hof steht, quält sich selbst durch die kür­zes­te Un­ter­bre­chung. Im Klei­der­schrank gibt es kurze und lange Hosen, der Fri­seur be­schnip­pelt lange und kurze Haare, der Koch ser­viert lange ge­schmor­te Bra­ten und Kurz­ge­bra­te­nes. Ob kurz gut oder schlecht ist, ent­schei­det also das Wet­ter, der ei­ge­ne Ge­schmack oder der Zeit­geist. Oder auch das Streich­holz, denn wer den Kür­ze­ren zieht, hat au­gen­schein­lich ver­lo­ren. Es gibt lange im Voraus ge­plan­te Kur­z­ur­lau­be und eben­so kur­z­ent­schlos­sen be­gon­ne­ne lange Aus­zei­ten. Ein Kurz­film kann lang­wei­lig sein und ein Über­län­gen­film für kurz­wei­li­ge Un­ter­hal­tung sor­gen. Über kurz oder lang komme ich immer wie­der zu sel­bi­gem Er­geb­nis: alles ist re­la­tiv, auch die Kürze. Wer etwas kurz und klein schlägt, kann als Holz­fäl­ler im kal­ten Win­ter etwas Gutes getan haben, der Rock­star de­mo­lie­rend im Ho­tel­zim­mer we­ni­ger. Kurz und gut stimmt aber nicht immer. Der Kurz­ar­beit und einem Kurz­schluss sind auch nach län­ge­rem Nach­den­ken nichts Gutes ab­zu­ge­win­nen.

 

Kurz und schmerz­los ist auch kein noch so mi­ni­ma­ler Griff auf die glü­hen­de Herd­plat­te. Wer kür­zer tritt, kann das zwar frei­wil­lig wol­len, meis­tens muss er aber. Man­cher wird be­wusst an der kur­z­en Leine ge­hal­ten, man­cher ist mit Wor­ten kurz an­ge­bun­den. Ein kur­z­er Mo­ment kann zu lang sein und wer zu kurz kommt, lei­det auch schon mal sehr lange dar­un­ter. In der Kürze liegt nicht immer die Würze, denn bei­spiels­wei­se Käse, Wein oder Whis­ky müs­sen sehr lange rei­fen, um Ge­schmack zu ent­wi­ckeln. An Te­le­fon­zel­len sorg­te lange Jahre der Auf­kle­ber „Fas­se Dich kurz!“ für den Be­weis der Ein­stein­schen Re­la­ti­vi­täts­theo­rie: Für den drau­ßen Ste­hen­den ver­ging die Zeit stets viel lang­sa­mer als für den Te­le­fo­nie­ren­den. Wer mal eben kurz vor­bei­kommt, steht wohl wenig spä­ter in der Tür, bleibt aber unter Um­stän­den lange zu Be­such. Sich kurz zu­sam­men­set­zen hat nicht sel­ten lang­wie­ri­ge Fol­gen und lange Reden mögen ja sprich­wört­lich nur einen kur­z­en Sinn haben – sind aber vie­len sinnent­leer­ten Kurz­mit­tei­lun­gen oft noch über­le­gen. Wobei schon Nietz­sche fest­stell­te: „Et­was Kurz-Ge­sag­tes kann die Frucht und Ernte von vie­lem Lang-Ge­dach­ten sein.“ Oder wie kurz vor ihm Char­lot­te von Stein an Goe­the schrieb: „Lie­ber Freund, ent­schul­di­ge mei­nen lan­gen Brief, für einen kur­z­en hatte ich keine Zeit“…              

                  Gisa Stein