Gisa_kolumne_2_web

Was ich noch sagen woll­te…

 

Manch­mal ist das ja so eine Sache mit den Je­cken. Also denen, die Jeck sind und denen, die jeck wer­den. Ein Jeck sein ist näm­lich nicht gleich jeck sein und schon gar nicht in einen Topf bzw. Bütt zu wer­fen mit Nar­ren und Kar­ne­va­lis­ten. Also na­tür­lich fei­ert der Jeck (auch) gern Kar­ne­val, aber der Kar­ne­va­list ist ein or­ga­ni­sier­ter Narr mit Ver­eins­funk­ti­on, der öf­fent­lich auf­tritt. Der Jeck fei­ert ein­fach mit – und das nicht nur in der fünf­ten Jah­res­zeit. Bes­ten­falls ist der Kar­ne­va­list auch jeck, wenn er Nar­ren­kap­pe, Uni­form und Orden ab­ge­legt hat – dann be­schreibt jeck viel­mehr seine grund­sätz­li­che hu­mor­vol­le Le­bens­ein­stel­lung und er­laubt ihm – kar­ne­va­lis­tisch an­mu­ten­de – Späße auch in den an­de­ren vier Jah­res­zei­ten. Jeck sein in der rhei­ni­schen Le­bens­art heißt (laut durch­fors­te­ten Nach­schla­ge­wer­ken), sich selbst und die Dinge nicht zu ernst zu neh­men und nicht immer un­be­dingt ge­ra­de­aus, son­dern um die Ecke zu den­ken und die Welt auch schon mal auf den Kopf zu stel­len. Wobei die Gren­ze zwi­schen dem lie­bens­wer­ten Kom­pli­ment und dem ta­deln­den bis be­lei­di­gen­den jeck als Um­schrei­bung geis­ti­ger Ver­wir­rung flie­ßend, und des­halb un­be­dingt zu be­ach­ten ist. Eine jecke Per­son ist die harm­lo­ses­te Va­ri­an­te des Ver­rück­ten, vom ne­ga­tiv be­setz­ten Spin­ner oder Irren (noch) weit ent­fernt – brin­gen letz­te­re uns doch nicht zum La­chen oder zu­min­dest Schmun­zeln wie der jecke Jeck. Im fer­nen Meck­len­burg-Vor­pom­mern war mir der Be­griff so­wohl als Sub­stan­tiv wie auch als Ad­jek­tiv einst völ­lig un­be­kannt. Dort muss­te man sich mit Um­schrei­bun­gen wie „mit dem Klam­mer­beu­tel ge­pu­dert“ oder „ein Ei am Wan­dern haben“ be­hel­fen. Die Bil­der, die vor mei­nem geis­ti­gen Auge ent­stan­den, lie­ßen mich zwar schmun­zeln, ver­stan­den habe ich sie aber bis heute nicht. Als Kind der Küste wurde an­ge­droht, man „kam nach Gehls­dorf“, wenn man gar zu ver­rück­te Sa­chen an­stell­ten würde – auch das war mir da­mals un­er­klär­lich. Da war und ist es im Rhein­land schon ein­fa­cher. Da gibt es eben den Je­cken, der ohne Klam­mer­beu­tel und Wan­derei­er zum Schmun­zeln bringt. Und man kommt nicht „nach Düren“, wenn es zu dolle wird, son­dern ins „Jeckes“ – ein­deu­tig im wört­li­chen Zu­sam­men­hang mit jeck auch für kind­li­che Ge­hir­ne er­schließ­bar. Vor we­ni­gen Mo­na­ten an­läss­lich einer Ur­laubs­rei­se in die alte Hei­mat an der Ost­see habe ich dann plötz­lich ent­deckt, dass der Ro­sto­cker Orts­teil Gehls­dorf eine den Rhei­ni­schen Lan­des­kli­ni­ken in Düren nicht un­ähn­li­che Ein­rich­tung zen­tral be­her­bergt, weil sich unser an­ge­mie­te­tes Do­mi­zil just ne­ben­an be­fand. Zwei Wäh­rungs­re­for­men zu spät fiel bei mir der sprich­wört­li­che Gro­schen: „Du kommst nach Gehls­dorf!“ war ein­fach nur die Um­schrei­bung für die an­ge­droh­te Ein­wei­sung in eine Ner­ven­heil­an­stalt! Hätte es das Wort jeck im Nord­deut­schen da­mals für mich schon ge­ge­ben, ich hätte mich all die Jahre mit dem Bild des rü­schen­be­setz­ten und pu­der­ge­füll­ten Klam­mer­beu­tels nicht be­schäf­ti­gen müs­sen. Nach mehr als einem Vier­tel­jahr­hun­dert Qua­ran­tä­ne im je­cken Rhein­land war dem­nach völ­lig fol­ge­rich­tig meine erste ver­ba­le Re­ak­ti­on vor dem Gehls­dor­fer Ort­sein­gangs­schild: „Ach jeck?!“ – was kurz und knapp genau das ver­mit­tel­te, wofür die elo­quen­te Meck­len­bur­ge­rin in mir ganze Sätze ge­braucht hätte: „Ich werde ver­rückt. Da habe ich wohl jahr­zehn­te­lang um zu viele Ecken ge­dacht. Meine Welt ist auf den Kopf ge­stellt.“. Es geht auch ein­fa­cher. Jeck, oder…?

Gisa Stein