gisa_kolumne_2_web1Was ich noch sagen woll­te…

 

Manch­mal ist das ja so eine Sache mit dem Arm und dem arm – also so­wohl mit dem Ge­gen­stand als auch mit der Ei­gen­schaft, mit dem Haben und dem Sein. Der Arm, so lese ich in der En­zy­klo­pä­die, ist die freie obere Ex­tre­mi­tät des Men­schen,die Wei­ter­ent­wick­lung der Vor­der­glied­ma­ßen der Tiere zum Greif­werk­zeug, der mit sei­nen Pen­del­be­we­gun­gen auch die Aus­ba­lan­cie­rung des auf­rech­ten Gan­ges er­mög­licht. Als paa­ri­ge Kör­per­tei­le kann man diese stre­cken und re­cken, damit wer­fen, fan­gen, etwas unter sie klem­men, sich bre­chen und ver­schrän­ken, je­man­den in sie und auf sie neh­men, in sie flie­gen und in ihnen lie­gen, in sie ge­trie­ben wer­den, mit ihnen und unter sie grei­fen, die Beine in sie neh­men und den Kopf unter sie ste­cken. In sei­ner Funk­ti­on hat der Arm vom Schul­ter- bis zu den Fin­ger­ge­len­ken die größt­mög­li­che Be­we­gungs­frei­heit aller Kör­per­tei­le.

 

Das Di­lem­ma des Armes ist je­doch nicht, dass er im Alter die Be­weg­lich­keit ein­büßt, son­dern er ir­gend­wann auch ein­fach zu kurz ist, um ohne Le­se­bril­le das Klein­ge­druck­te zu er­ken­nen. Dann ist man arm dran – nicht zu ver­wech­seln mit arm sein. Arm sein be­deu­tet näm­lich, von einer Sache nur sehr wenig zu haben oder zu er­hal­ten – wäh­rend arm dran je­mand ist, der in sei­nem Zu­stand zu be­dau­ern ist. Nicht jeder, der arm ist, also wenig Be­sitz hat, ist arm dran – und auch manch wohl­ha­ben­der Mensch wird be­dau­ert an­ge­sichts Mit­leid er­re­gen­der Um­stän­de, die er trotz sei­nes Reich­tums nicht zu än­dern ver­mag. Wo arm sein be­ginnt, hängt also immer davon ab, woran. Wo der Arm be­ginnt, ist da­ge­gen ein­deu­ti­ger zu de­fi­nie­ren: an der Schul­ter bzw. als läng­li­cher seit­li­cher Aus­le­ger von etwas: einem Kran, eines Flus­ses, eines Kron­leuch­ters. Nicht ganz er­schließt sich mir, ob das Wort Arm­leuch­ter daher kommt und ob auch das Ar­ma­tu­ren­brett so heißt, weil es zu­meist in Arm­län­ge er­reich­bar ist.

 

Der Är­mel­scho­ner um­hüllt den Ärmel als Um­hül­lung des Armes und ist da gleich dop­pelt ein­deu­tig nach­voll­zieh­bar, der ein­ar­mi­ge Ban­dit im Spiel­ca­si­no als Hebel zum er­hoff­ten Reich­tum eben­so. Beim Är­mel­ka­nal, der Armee und der Ar­mi­nia fängt das Grü­beln al­ler­dings schon wie­der an… Au­ßer­dem gibt es da ja noch die Arme, die zwar Aus­le­ger von etwas, aber kei­nes­falls sicht­bar sind: also der lange Arm des Ge­set­zes, die aus­ge­streck­ten lan­gen Arme, an denen man je­man­den ver­hun­gern las­sen kann oder der Arm, auf den man ge­nom­men wird, wenn man ver­al­bert wird. Nicht zu ver­wech­seln ist diese sprich­wört­li­che Re­de­wen­dung mit dem ge­brüll­ten „AAARM“ von Klein­kin­dern, die mit aus­ge­streck­ten Armen vor einem ste­hen und darum bet­teln, ganz ohne Be­we­gung sämt­li­cher ei­ge­ner Ex­tre­mi­tä­ten von A nach B trans­por­tiert zu wer­den.

 

Dass man mit den Armen kom­mu­ni­zie­ren kann, wis­sen aber auch kel­len­schwin­gen­de Schü­ler­lot­sen, weg­wei­sen­de Ver­kehrs­po­li­zis­ten, win­ken­de chi­ne­si­sche Grin­se­kat­zen, Staats­ober­häup­ter und Mon­ar­chen. Und schlus­send­lich gibt es da noch die Arme, unter die ge­grif­fen wird ganz ohne kör­per­li­chen Kon­takt – und die damit manch­mal auch das Arm­sein der Arm­be­sit­zer ganz rit­ter­lich ver­rin­gern. Der „Arme Rit­ter“ als süße Spei­se ist da­ge­gen alles an­de­re als arm – bei­spiels­wei­se an Koh­len­hy­dra­ten – zumal der Name ur­sprüng­lich eher die Form der Brot­schei­be wie ein Rit­ter­schild als ein Arme-Leute-Essen mein­te. Ob­wohl: so ganz ohne Arme kriegt den auch der beste Koch nicht hin…

Gisa Stein